Die Stunde zwischen Hund und Wolf

Silke Scheuermann
Die Stunde zwischen Hund und Wolf
Schöffling & Co. 2007
172 Seiten
ISBN 978-3-89561-371-5
Silke Scheuermanns Die Stunde zwischen Hund und Wolf ist für mich so ein Buch, bei dem ich nach dem Lesen nicht genau wusste, was ich eigentlich davon halten soll. Nicht, weil ich es schlecht gefunden hätte – ganz im Gegenteil. Ich fand vieles daran sehr gut. Aber es ist schwer, den Roman auf eine einfache Aussage oder eine klare Geschichte herunterzubrechen.
Im Mittelpunkt steht die schwierige Beziehung zwischen der namenlosen Ich-Erzählerin und ihrer älteren Schwester Ines. Die beiden haben seit Jahren keinen Kontakt. Ines war immer die Begabte, die Schöne, die Erfolgreiche, die vom Vater bevorzugte. Die Erzählerin hat sich eher im Schatten dieser Schwester eingerichtet. Nun lebt sie ausgerechnet in Frankfurt, wo auch Ines wohnt. Ines ist inzwischen alkoholabhängig und sucht die Nähe ihrer Schwester.
Ausgerechnet ihr Scheitern bringt die beiden einander wieder näher. Und je mehr die Erzählerin hinter die Fassade ihrer Schwester schaut, desto mehr muss sie erkennen, dass sie Ines ähnlicher ist, als sie dachte. Die klare Rollenverteilung – hier die vernünftige Erzählerin, dort die schwierige, egozentrische Schwester – gerät zunehmend ins Wanken. Die Grenzen zwischen Nähe und Abstoßung, Schwester und Rivalin, Begehren und Schuld verschwimmen ständig.
Der Titel bezeichnet einen Zustand, in dem Ines sich verändert und etwas Fremdes von ihr Besitz zu ergreifen scheint. Das Motiv von Hund und Wolf taucht später noch einmal in einem Bild auf: Der Wolf steht für die Vergangenheit, der Hund für die Zukunft. Solche Motive ziehen sich durch den Roman. Meistens fand ich das interessant, manchmal allerdings auch ein bisschen zu deutlich.
Überhaupt ist das für mich die zwiespältige Seite des Buches. Scheuermann kann unglaublich genau beobachten. Ihre Sprache ist kühl, präzise und voller kleiner Verschiebungen und Ironie. Es gibt immer wieder Szenen, bei denen ich dachte: Ja, genau so kann man eine Situation sehen – nur wäre ich selbst nie darauf gekommen, sie so zu beschreiben.
Nur: Manchmal sind es mir einfach zu viele Beobachtungen. Praktisch jeder Spaziergang, jeder Gang durch Frankfurt, jeder Zoo-Besuch und überhaupt vieles, was die Erzählerin unterwegs wahrnimmt, wird ausführlich registriert. Ich verstehe, warum das gelobt wird, aber irgendwann hatte ich auch das Gefühl, dass mir Scheuermann zu viel zeigen möchte. Dann plätschert der Roman vor sich hin, und ich fragte mich gelegentlich, ob ich diese eine Straße oder jene kleine Alltagsszene nun wirklich so genau kennen musste.
Trotzdem mag ich die Sprache, die trockene Komik und vor allem diese seltsame, schwer greifbare Stimmung. Auch die Gesellschaftskritik, die eher nebenbei daherkommt, fand ich gelungen – etwa wenn romantische Vorstellungen plötzlich als Konsumprodukt erscheinen: Restaurant, Kamin, Champagner, Dessous. Komisch und traurig zugleich.
Und dann ist da dieses offene Ende, das ich passend fand. Eigentlich wird nichts wirklich aufgelöst. Die Beziehung der Schwestern bleibt kompliziert, die Vergangenheit verschwindet nicht, und auch die Zukunft ist keineswegs eindeutig.


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