Verschlagwortet: realistisch

Was für ein Leben!

Cover Der grüne Fürst von Heinz Ohff

Heinz Ohff
Der grüne Fürst
Piper Verlag 1993
314 Seiten
ISBN 978-3-492-21751-4

Etwas älteren EisesserInnen dürfte die Bezeichnung ‚Fürst-Pückler-Eis‘ durchaus noch geläufig sein – aber wissen sie auch, wer der Namensgeber war? Ein Abkömmling des Hochadels, geboren 1785, Sympathisant der Revolution, Schriftsteller, Reisender, Landschaftsgartengestalter, Dandy, Abenteurer und ein Liebhaber der Frauen – aller Frauen. Casanova dürfte neidisch werden, wenn man ihm von Hermann Pückler-Muskaus Eroberungen berichten würde. Doch dies ist nur ein Aspekt seiner Persönlichkeit, wenn auch kein unwesentlicher.

Heinz Ohff schildert diesen faszinierenden Menschen in derart schillernden Farben und Formen, dass man wie gebannt diesen Lebenslauf verfolgt. Er lässt ihn ebenso durch seine Schriften selbst zu Wort kommen, so dass man sich einen Eindruck von seinen literarischen Fähigkeiten machen kann. Pückler formuliert spitz, mit Witz und Spöttelei, aber spart auch nicht mit Selbstironie, was ihn überaus sympathisch wirken lässt. Auch Zeitgenossinnen und Zeitgenossen kommen zu Wort und so formt sich nach und nach das Bild eines Menschen, der hochintelligent und seiner Zeit weit voraus war.

Eine fesselnde, ausgezeichnet geschriebene Biographie, mit der man nicht nur den Menschen Hermann Pückler-Muskau kennenlernt, sondern zudem viel über die Welt am Anfang und in der Mitte des 19. Jahrhunderts erfährt.

Auf der Suche nach dem besseren Leben

Cover Die verschwindende Hälfte von Brit Bennett

Brit Bennett
Die verschwindende Hälfte
Aus dem Englischen von Isabel Bogdan und Robin Detje
Rowohlt 2020
415 Seiten
ISBN 978-3-498-00159-9

Passing ist ein Phänomen, dass es bereits länger gibt, in Europa aber eher unbekannt ist, obwohl es auch hier existiert. Dabei wird die soziale Identität eines Menschen (Geschlecht, Klasse, Ethnie usw.) von seiner Umwelt nicht erkannt, so dass die damit verbundenen Erwartungen, Rechte und Pflichten nicht existieren. Wie beispielsweise in Deutschland die Juden während des Dritten Reiches, die ihr Jüdischsein verheimlichten, um so der Verfolgung zu entgehen. Heute ist es insbesondere in den USA Thema, wobei Schwarze mit sehr heller Haut für Weiße gehalten und entsprechend behandelt werden, wovon dieses Buch unter anderem auch erzählt.

1938 werden die Zwillinge Desiree und Stella in dem kleinen Nest Mallard im Süden der USA geboren, dessen BewohnerInnen es sich zum Ziel setzen, mit jeder Generation hellhäutiger zu werden. Mit 16 Jahren brennen die Beiden durch und gehen nach New Orleans, wo sich ihre Wege trennen.

„… Desiree heiratete den dunkelsten Mann den sie finden konnte.“

und bekommt eine Tochter,

„… so schwarz, schwärzer geht’s nicht.“

Stella hingegen

„… wurde zur weißen Stella.“,

was sie jedoch nur sein konnte,

„…, wenn Desiree nicht dabei war.“

Sie heiratet einen vermögenden weißen Mann aus dem Geldadel und bekommt eine blonde Tochter.

Die Lebenswege der beiden Frauen entwickeln sich so weit auseinander, dass sie sich nie wieder gesehen hätten, wären ihre Töchter sich nicht begegnet. Denn Desiree kehrt mit ihrer Tochter Jude nach Mallard zurück, während Stella ihr Leben als Weiße in der High Society in Los Angeles führt.

Brit Bennett, die Autorin, zeigt in diesem Buch überdeutlich, wie groß die Unterschiede der Möglichkeiten sind, die je nach Hautfarbe zur Wahl stehen. Während Stella praktisch alles werden kann, bleibt für Desiree letzten Endes der Job in der Kneipe. Aber das Leben auf einer Lüge aufzubauen, hat ebenfalls seinen Preis.

Überzeugend stellt Bennett dar, wie Stella aus Angst, enttarnt zu werden, am heftigsten gegen die ersten schwarzen Nachbarn protestiert. Und wie sie ständig in der Furcht lebt, als das erkannt zu werden, was sie ist: schwarz.

Auch gut gefallen hat mir, wie Bennett die Charaktere der Töchter in Teilen fast spiegelbildlich zu denen ihrer Mütter entwirft. Desirees Tochter Jude hat mehr Ähnlichkeit mit Stella, während Stellas Tochter Kennedy viele Wesenszüge ihrer Tante aufweist. Doch Beide tragen ganz klar das Erbe ihrer Mütter in sich, während die Väter kaum eine Rolle spielen.

Wirklich lesenswert!

Der Lauf zurück ins Leben

Cover Laufen von Isabel Bogdan

Isabel Bogdan
Laufen
Kiepenheuer & Witsch 2019
208 Seiten
ISBN 978-3-462-05349-4

Eine namenlose Frau hat einen tragischen und schockierenden Verlust erlebt, der sie selbst in Verzweiflung und Trostlosigkeit stürzt. Auch ein Jahr danach hat sie noch nicht ins Leben zurückgefunden, doch immerhin rafft sie sich auf und beginnt wieder mit dem Laufen. Es ist ein Kampf gegen die ständige Erschöpftheit und ihre schweren Beine, aber sie hält durch und als Lesende können wir ihren Gedanken währenddessen folgen.

Schon die ersten sechs Seiten haben mich begeistert, als sie losläuft und man nachverfolgen kann, wie anstrengend es für sie ist. Genau so ging es mir auch! Als hätte die Autorin in meinem Kopf gesessen. Ich glaube, alle, die irgendwann einmal untrainiert mit Laufen begonnen haben, werden sich in diesem Gedankenfluss sofort wiedererkennen 😉 Doch dies ist nur der Anstoß für das Weitere das folgt. Immer wieder drängt sich der erlittene Verlust in den Vordergrund, der ihr ganzes Denken und Fühlen bestimmt. Warum, weshalb, Selbstvorwürfe und -zweifel sind der Grundtenor ihrer Gedanken und Alle, die auch nur ansatzweise Ähnliches erlebt haben, werden sich in dieser Frau wiedererkennen.

Nach und nach erfährt man die Hintergründe und ebenso allmählich erhält das ’normale‘ Leben seinen Stellenwert wieder zurück. Erste Freuden ohne Schuldgefühle, nicht mehr ständig daran denken, endlich wieder Gedanken an die Zukunft.
Ich fand es faszinierend, dieser Frau zu folgen und mitzuerleben, wie sie sich aus dieser schrecklichen Situation herauskämpft und gleichzeitig auch ihre Laufergebnisse immer besser werden. Da es sich bei dem Geschriebenen ausschließlich um ihre Gedanken während des Laufens handelt, lässt es sich nicht so einfach weglesen, was man bei knapp 200 Seiten vermuten könnte. Denn es gibt keine Gespräche oder Perspektiven Anderer, sodass ich das Gelesene immer mal wieder sacken lassen musste.

Dennoch: Ein tolles Buch, das durchaus auch das Zeug hat, ein bisschen ein Lebensratgeber zu sein.

Nicht nur eine Lebensgeschichte

Cover Lieber wütend als traurig von Alois Prinz

Alois Prinz
Lieber wütend als traurig
Hörcompany 2005
6 Stunden und 20 Minuten
ISBN 978-3-9350367-3-3

Jede/r die/der sich für die Geschichte und Politik der BRD interessiert, wird früher oder später zwangsläufig auf den Namen Ulrike Meinhof stoßen. Sie war eines der führenden Mitglieder der Rote-Armee-Fraktion (RAF) und Hass und Gewalt gegen den Staat und dessen VertreterInnen waren für sie alternativlos. Doch dies war nicht immer so: Als Studentin und auch in den ersten Jahren als erfolgreiche Journalistin war die Christin eine überzeugte Friedensfreundin. Doch die Feststellung, dass sie offenbar mit ihren Worten deutlich weniger zu erreichen schien als andere Systemkritische mit diversen illegalen Aktionen, ließ sie immer mehr an ihrer Haltung zweifeln.

Diese Entwicklung, hin zu einer christlichen Pazifistin und weiter zu einer der am meist gesuchtesten Terroristinnen der BRD, zeichnet Alois Prinz ausführlich ab der Zeit ihrer Kindheit nach, während er parallel dazu ebenso ein originalgetreues Bild der jeweiligen Gesellschaft der BRD liefert. Keine Frage, diese damaligen Verhältnisse mussten jedem demokratie- und gerechtigkeitsliebendem Menschen übel aufstoßen, sodass es gerade auch für besonders empfindsame Menschen nur noch ein kleiner Schritt in die Radikalität war. Wie diese jedoch den Schmerz und das Leid der von dieser Radikalität Betroffenen so vollständig ausblenden konnten, ist eine Frage, die noch immer viele der Freunde von Ulrike Meinhof (und vermutlich auch anderen) umtreibt. Auch der Autor hat dafür nur Vermutungen und so bleibt einem beim Hören nichts Anderes übrig, als sich seine eigenen Gedanken zu machen.

Eine tolle Biographie, die durch Axel Milberg als Vorleser und Eva Mattes als Ulrike Meinhof (mit kleinen Texten von ihr) kongenial ergänzt wird.

Eindringlicher Tatsachenbericht

Diese Geschichte, die sich tatsächlich ereignet hat, ist schnell erzählt: Mann geht über Bord und treibt 10 Tage ohne Essen, Trinken und Werkzeuge auf einem Floß auf dem Meer, bevor er das Festland erreicht.

Sollte jemand einen Bericht à la Robinson Crusoe erwarten, wird er/sie enttäuscht. An tatsächlichen Ereignissen geschieht wenig bis nichts. Der Schiffbrüchige, dessen Bericht Márquez aufgezeichnet hat, schildert sachlich und detailliert sein Überleben auf dem Floß. Anschaulich wird dargestellt, wie selbst in Momenten der völligen Verzweiflung und Kraftlosigkeit sein Lebenswille wieder die Oberhand bekam. Beeindruckend!

Diese Geschichte erschien erstmals 1955 als eine Art Fortsetzungsroman in einer kolumbianischen Zeitung.

Mehr Psychogramm als Krimi, aber dennoch spannend

Noack ist Mitte 40 und bereitet sich vor – auf das Schlimmste. Schon immer, seit er ein kleiner Junge war, will er gewappnet sein gegen das, was da kommen kann. Denn es wird kommen, das Schlimmste. Als er eine Stelle bei einer Zeitung antritt, wo er täglich tausende Hassmails aussortieren muss, stärkt dies seine Haltung. Dennoch verfällt er nicht den kruden Verschwörungstheorien oder feindseligen, wutentbrannten Sprüchen der Rechtsradikalen, die er tagtäglich lesen muss. Doch es kommt ein Punkt, da braucht er deren Unterstützung: Er und eine Kollegin werden von Unbekannten überfallen und auch sein Sohn wird hineingezogen. Und niemand kann ihm helfen.

‚Berlin Prepper‘ wird als Thriller ausgewiesen, aber dafür geht es fast schon gemächlich darin zu. Über die Hälfte des Buches folgt man Noacks Gedankengängen, der die grässlichen Beschimpfungen und Häme beinahe stoisch erträgt. Selbst als er überfallen wird, bleibt er vergleichsweise ruhig, während man als Lesende immer mehr darauf lauert: Wann rastet er aus? Doch er hat sich im Griff, während um ihn herum es kaum noch eine ‚lichte‘ Seele zu geben scheint: nur noch Rechte, Rassisten und Wutbürger, selbst auf der Arbeit. Überall nur noch Schmutz, Hass, Wut und Zorn – beim Lesen hatte ich zeitweilig das Gefühl, dass mich diese Atmosphäre mehr bedrückte als den Protagonisten.

Das vom Autor entworfene Szenario ist so düster und eindringlich dargestellt, dass ich mich dabei erwischte darüber nachzudenken, ob es vielleicht nicht doch ganz sinnvoll sei, im Umland ein paar Vorräte anzulegen. Und der Showdown trägt ebenfalls nicht gerade zur Beruhigung bei, denn so realitätsfern ist das Ganze nicht. Was mich allerdings störte, war die Redseligkeit mancher Personen. Weshalb beispielsweise Volkan plötzlich zum großen Erzähler wird, hat sich mir nicht erschlossen, ganz im Gegenteil.

Trotzdem ist es ein gelungenes Buch, das mir die Verschwörungs- und Prepperwelt ein wenig näher brachte – ich hoffe, ohne Nachwirkungen 😉

Deutscher Krimipreis 2020/2019 1. Platz national

Krimibestenliste 2019 Juni und Juli jeweils Platz 1

Leben und Sterben in der Heroinhölle Philadelphias

Cover Long Bright River von Liz Moore

Liz Moore
Long Bright River

Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
C.H. Beck Verlag 2020
414 Seiten
ISBN 978-3-406-74884-4

Mickey ist Streifenpolizistin in Kensington, Philadelphia, dem größten Drogenmarkt im Osten der USA. Dort wacht die Alleinerziehende über ihre jüngere, drogenabhängige Schwester Kacey, die sich ihr Geld mit Prostitution verdient und seit fünf Jahren nicht mehr mit ihr gesprochen hat. Als in dieser Gegend eine Reihe von Morden an Prostituierten verübt werden und Kacey nicht mehr aufzufinden ist, macht sich Mickey auf die Suche nach ihr.

‚Long Bright River‘ ist nicht nur ein Kriminalfall, sondern gleichzeitig auch eine Familiengeschichte und das Porträt eines Stadtteils, dessen Gesellschaft vermutlich die größte Krise seiner Existenz durchlebt. Wir Lesenden begleiten Mickey bei ihren täglichen Streifen durch Kensington, wo 1/3 der Ladenfronten verrammelt ist und überall Drogen und Sex angeboten werden. Es ist eine trostlose Atmosphäre, die nur durch gelegentliche Lichtblicke wie neue Bars und Geschäfte am Rande des Viertels aufgehellt wird. Wie die meisten Familien, die aus Kensington kommen, hat auch Mickeys‘ mit Drogenproblemen zu kämpfen. Nicht nur Kacey, auch ihre Eltern waren früh süchtig und starben, sodass die beiden Schwestern bei ihrer hartherzigen Großmutter aufwuchsen.

Mickey ist ein widersprüchlicher Charakter: Ihrem kleinen Sohn ist sie eine liebevolle Mutter, dem sie all ihre Aufmerksamkeit widmet, doch anderen Menschen gegenüber zeigt sie beinahe autistische Züge. Die herzlose Erziehung ihrer Großmutter und deren zynische Lebenseinstellung haben sie offenbar mehr geprägt als ihr bewusst ist im Gegensatz zu ihrer Schwester, die von Mickey für ihre Lebensfreude und ihr Selbstbewusstsein immer bewundert wurde. Liz Moore gelingt es erstaunlich gut, für Mickey einen Tonfall zu treffen, der häufig fast gänzlich frei ist von Gefühl, was sie nicht gerade zur Sympathieträgerin macht. Doch Rückblicke in ihre Kindheit und Jugend machen immer wieder deutlich, woher dieses Verhalten kommt.

Der Kriminalfall wird durch die Familiengeschichte fast schon in den Hintergrund gedrängt, was der Spannung jedoch nicht abträglich ist. Denn obwohl man vermutlich glaubt, eigentlich Alles zu wissen, ergeben sich eine Reihe überraschender Wendungen nicht nur bei der Suche nach dem Prostituiertenmörder.

Eine spannende Geschichte, die auch ein realistisches Bild eines Teils der heutigen Gesellschaft in den USA wiedergibt.

Krimibestenliste Februar 2020 und März 2020