Verschlagwortet: liebevoll

Was wirklich zählt

Cover Kostbare Tage von Kent Haruf

Kent Haruf
Kostbare Tage
Diogenes 2020
345 Seiten
ISBN 978-3-257-07125-2

Es ist Sommer in Holt, einer Kleinstadt in Colorado. Und es wird der letzte Sommer sein für Dad Lewis, der sein ganzes Leben dort verbrachte. Dad hat Krebs und ihm bleibt noch ein Monat, vielleicht etwas länger.

Von dieser Zeit erzählt ‚Kostbare Tage‘ und trotz dieses eigentlich trostlosen Themas ist es nie hoffnungslos, kitschig oder schwülstig. Man lernt nicht nur Dad und seine Familie kennen: seine ihn voller Hingabe pflegende Frau Mary, die auch er noch immer von ganzem Herzen liebt; ihre Tochter Lorraine, die ihren Eltern zur Seite steht; und ihren Sohn Frank, von dem sie schon Jahre nichts mehr gehört haben. Da gibt es noch die Johnsons, Mutter und Tochter, die gegen die Einsamkeit kämpfen; den neuen Reverend Lyle, der nicht nur mit der Gemeinde, sondern auch seiner Familie Schwierigkeiten hat; seinen Sohn John, der eine erste Liebe der besonderen Art erlebt; und Berta, die Nachbarin, mit ihrer kleinen Enkelin Alice, die für Alle eine Hoffnung darstellt.

Für Alle ist dieser Sommer eine besondere Zeit, denn es gibt eine Menge Abschiede. Kent Haruf erzählt davon in einem ruhigen und fast schon sachlichem Ton, der zwar eine melancholische Stimmung entstehen lässt, aber auch nicht mehr. Er ist ein aufmerksamer Beobachter, jede Kleinigkeit ist es wert, festgehalten zu werden, doch stets nur beschreibend, nie wertend. So genau sind seine Darstellungen, dass man die Kleinstadt und ihre Menschen bald deutlich vor Augen hat und ihre Ängste, Gedanken und Sorgen mitfühlen kann. Und merkwürdigerweise wird es nicht langweilig, obwohl nichts wirklich Aufregendes geschieht. Ein bisschen ist es, als ob man Menschen, die man mag, ein Stück in ihrem Leben begleitet. Nicht mehr – und nicht weniger 😊

So schön – und doch so traurig

Cover Winterbienen von Norbert Scheuer

Norbert Scheuer
Winterbienen
C.H. Beck 2019
319 Seiten
ISBN 978-3-406-73963-7

Was für ein schönes Buch, das von einer entsetzlichen Zeit erzählt. Es ist das letzte Kriegsjahr des II. Weltkriegs und in der Eifel ist es bisher vergleichsweise ruhig geblieben. Egidius, der aufgrund seiner Epilepsie nicht eingezogen wurde und dank des Einflusses seines Bruders der Euthanasie entging, kümmert sich nach seiner Entlassung als Lehrer um seine Bienenvölker und um manche zurückgelassene Frau. Hin und wieder bringt er Juden über die Grenze, um sich so Geld für seine Medikamente zu verdienen, doch mit dem Vorrücken der Alliierten wird es immer gefährlicher.

Es ist eigentlich ein gemächliches Buch, wenn sich der kriegerische Hintergrund nicht immer wieder in den meist friedlichen und beschaulichen Tagebucheinträgen des Egidius in den Vordergrund drängen würde. Hauptthema seiner Einträge ist die Beobachtung und Pflege sowie Entwicklung seiner Bienen, denen er sich eng verbunden fühlt. Seine restliche freie Zeit widmet er der Übersetzung alter Dokumente aus dem Latein seines Vorfahren Ambrosius und den Frauen, denen er zugetan ist. Es wirkt, als wäre er ein glücklicher Mensch, wenn nicht stets aufs Neue das Grauen des Krieges in Erscheinung treten würde.

An Handlung gibt es nicht viel zu berichten, denn die Tage verlaufen recht gleichförmig. Doch wie der Autor dieses Wenige erzählt, ist so voller Zuneigung und Aufmerksamkeit, dass man beim Lesen unweigerlich eine große Sympathie für Bienen und Ambrosius entwickelt und die Entsetzlichkeit des Krieges im Gegensatz dazu noch stärker wirkt.

Ein schönes und trauriges Buch über das Leben, die Liebe und die Sinnlosigkeit des Krieges.

Deutscher Buchpreis Shortlist 2019