Kategorie: 2020

Zeit vergeht – Schuld nicht

Cover Ihr Königreich von Jo Nesbø

Jo Nesbø
ihr königreich
Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob
Ullstein 2020
586 Seiten
ISBN 978-3-550-05074-9

Harry Hole ist zwar nicht zurück, aber Roy Opgard ist meiner Meinung nach ein würdiger Stellvertreter 😉 Zwar handelt es sich bei diesem Buch eher um eine Familiengeschichte (wenn auch mit mörderischem Hintergrund), aber die Ähnlichkeiten des Protagonisten mit Harry Hole sind unverkennbar. Beide haben es nicht so mit Menschen; überflüssiges Gerede ist nicht ihr Ding; Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, Fairness und beständige Schuldgefühle bestimmen ihr Leben.

Die Brüder Roy und Carl leben mit ihren Eltern außerhalb der kleinen Stadt Os auf einem Hof in den Bergen Norwegens. Kurz vor Roys 18. Geburtstag (Carl ist ein Jahr jünger) stürzen ihre Eltern mit dem Wagen einen Abgrund hinab und sind sofort tot. Die Brüder geben sich gegenseitig Halt und bleiben auf dem Hof, während Roy eine Ausbildung zum Automechaniker macht und Carl die Schule beendet. Er verlässt Norwegen, um in den USA zu studieren und kehrt nach 15 Jahren unerwartet mit seiner Ehefrau zurück mit einem großen Plan im Gepäck, der ganz Os vermögend machen soll.

Roy ist der Ich-Erzähler der Geschichte und von ihm erfahren wir in verschiedenen Rückblicken, was sich in seiner Jugend und nach Carls Rückkehr ereignet. Obwohl die Beiden wenig gemeinsam haben, liebt Roy seinen ‚kleinen‘ Bruder über alles und stellt sich stets schützend vor ihn, früher wie heute. Dies ist auch zwingend nötig, denn Carl ist nicht nur der fröhliche, optimistische, offenherzige Junge von damals, sondern bringt sich durch sein impulsives verantwortungsloses Handeln immer wieder in schier ausweglose Situationen. Doch Roys Liebe zu ihm siegt – oder ist es sein Schuldgefühl?

Wer darauf hofft, ähnlich brutale und in gewisser Weise abgedrehte Szenen wie in den letzten Harry Hole-Büchern lesen zu können, wird enttäuscht werden, denn dieser Kriminalroman ist eher bodenständig – so wie die Menschen um die es hier geht. Aber auch wenn das Nervenzerreissende dieser Reihe fehlt und die Wendungen nicht ganz so spektakulär sind – spannend und überraschend ist die Geschichte allemal. Zwar kann man ahnen, wie Alles enden wird, da man als Jo Nesbø-Fan natürlich weiß, dass seine ‚Helden‘ nicht die Fähigkeit zum Glücklichsein haben – aber ist das nicht auch der Grund, weshalb man sie liebt 🤭? Mir hat dieses Buch gefallen, sehr sogar! Und bin so froh, dass Macbeth ein Ausrutscher war 😉

Auf der Suche nach dem besseren Leben

Cover Die verschwindende Hälfte von Brit Bennett

Brit Bennett
Die verschwindende Hälfte
Aus dem Englischen von Isabel Bogdan und Robin Detje
Rowohlt 2020
415 Seiten
ISBN 978-3-498-00159-9

Passing ist ein Phänomen, dass es bereits länger gibt, in Europa aber eher unbekannt ist, obwohl es auch hier existiert. Dabei wird die soziale Identität eines Menschen (Geschlecht, Klasse, Ethnie usw.) von seiner Umwelt nicht erkannt, so dass die damit verbundenen Erwartungen, Rechte und Pflichten nicht existieren. Wie beispielsweise in Deutschland die Juden während des Dritten Reiches, die ihr Jüdischsein verheimlichten, um so der Verfolgung zu entgehen. Heute ist es insbesondere in den USA Thema, wobei Schwarze mit sehr heller Haut für Weiße gehalten und entsprechend behandelt werden, wovon dieses Buch unter anderem auch erzählt.

1938 werden die Zwillinge Desiree und Stella in dem kleinen Nest Mallard im Süden der USA geboren, dessen BewohnerInnen es sich zum Ziel setzen, mit jeder Generation hellhäutiger zu werden. Mit 16 Jahren brennen die Beiden durch und gehen nach New Orleans, wo sich ihre Wege trennen.

„… Desiree heiratete den dunkelsten Mann den sie finden konnte.“

und bekommt eine Tochter,

„… so schwarz, schwärzer geht’s nicht.“

Stella hingegen

„… wurde zur weißen Stella.“,

was sie jedoch nur sein konnte,

„…, wenn Desiree nicht dabei war.“

Sie heiratet einen vermögenden weißen Mann aus dem Geldadel und bekommt eine blonde Tochter.

Die Lebenswege der beiden Frauen entwickeln sich so weit auseinander, dass sie sich nie wieder gesehen hätten, wären ihre Töchter sich nicht begegnet. Denn Desiree kehrt mit ihrer Tochter Jude nach Mallard zurück, während Stella ihr Leben als Weiße in der High Society in Los Angeles führt.

Brit Bennett, die Autorin, zeigt in diesem Buch überdeutlich, wie groß die Unterschiede der Möglichkeiten sind, die je nach Hautfarbe zur Wahl stehen. Während Stella praktisch alles werden kann, bleibt für Desiree letzten Endes der Job in der Kneipe. Aber das Leben auf einer Lüge aufzubauen, hat ebenfalls seinen Preis.

Überzeugend stellt Bennett dar, wie Stella aus Angst, enttarnt zu werden, am heftigsten gegen die ersten schwarzen Nachbarn protestiert. Und wie sie ständig in der Furcht lebt, als das erkannt zu werden, was sie ist: schwarz.

Auch gut gefallen hat mir, wie Bennett die Charaktere der Töchter in Teilen fast spiegelbildlich zu denen ihrer Mütter entwirft. Desirees Tochter Jude hat mehr Ähnlichkeit mit Stella, während Stellas Tochter Kennedy viele Wesenszüge ihrer Tante aufweist. Doch Beide tragen ganz klar das Erbe ihrer Mütter in sich, während die Väter kaum eine Rolle spielen.

Wirklich lesenswert!

Wenn ein Autor selbst ermittelt

Cover Mord in Highgate von Anthony Horowitz

Anthony Horowitz
Mord in Highgate
Insel Verlag 2020
347 Seiten
ISBN 978-3-458-17872-9

Eigentlich wäre Mord in Highgate ein ganz gewöhnlicher Kriminalroman, wenn nicht eine der Hauptpersonen der Autor selbst wäre. Da er im Auftrag eines Privatdetektivs, eines früheren Polizisten, ein Buch über dessen Fälle schreiben soll, nimmt er die Gelegenheit wahr, bei den gemeinsamen Nachforschungen selbst eigene Überlegungen anzustellen – sehr zum Vergnügen der Lesenden.

Ein Scheidungsanwalt ist tot – erschlagen in seinem vornehmen Haus mit einer äußerst teuren Weinflasche. Verdächtige gibt es genug und immer, wenn man glaubt, auf der richtigen Spur zu sein, tauchen neue Hinweise in die genau entgegengesetzte Richtung auf. Klienten, Verwandte, die Vergangenheit – überall gibt es Motive zuhauf.

Horowitz‘ Auftraggeber Hawthorne ist ein hoch intelligenter, aber eher schwieriger Mensch, den es nicht interessiert, was Andere von ihm denken. Entsprechend ist sein Verhalten und es ist immer wieder amüsant, wie der Autor stellenweise vor Fremdscham am liebsten im Boden versinken möchte. Sich selbst stellt er mit einiger Selbstironie als einen gelegentlich etwas ungeschickten Menschen dar, der mühsam und leider mit nicht allzu viel Erfolg versucht, Hawthornes Ermittlungserfolge zu übertrumpfen. Gewisse Ähnlichkeiten zu dem (noch 😉) berühmteren Ermittlerpaar Sherlock Holmes und Dr. Watson sind sicherlich nicht unbeabsichtigt.

Da Horowitz nicht nur Schriftsteller sondern ebenfalls Drehbuchautor ist, erfährt man Einiges über diesen Teil seiner Arbeit, was nicht minder unterhaltsam ist wie die Mordermittlung. Insgesamt ein kurzweiliger, amüsanter und spannender Krimi, der auch gut zu lesen ist, wenn man den ersten Teil nicht kennt (wie ich).

Was wirklich zählt

Cover Kostbare Tage von Kent Haruf

Kent Haruf
Kostbare Tage
Diogenes 2020
345 Seiten
ISBN 978-3-257-07125-2

Es ist Sommer in Holt, einer Kleinstadt in Colorado. Und es wird der letzte Sommer sein für Dad Lewis, der sein ganzes Leben dort verbrachte. Dad hat Krebs und ihm bleibt noch ein Monat, vielleicht etwas länger.

Von dieser Zeit erzählt ‚Kostbare Tage‘ und trotz dieses eigentlich trostlosen Themas ist es nie hoffnungslos, kitschig oder schwülstig. Man lernt nicht nur Dad und seine Familie kennen: seine ihn voller Hingabe pflegende Frau Mary, die auch er noch immer von ganzem Herzen liebt; ihre Tochter Lorraine, die ihren Eltern zur Seite steht; und ihren Sohn Frank, von dem sie schon Jahre nichts mehr gehört haben. Da gibt es noch die Johnsons, Mutter und Tochter, die gegen die Einsamkeit kämpfen; den neuen Reverend Lyle, der nicht nur mit der Gemeinde, sondern auch seiner Familie Schwierigkeiten hat; seinen Sohn John, der eine erste Liebe der besonderen Art erlebt; und Berta, die Nachbarin, mit ihrer kleinen Enkelin Alice, die für Alle eine Hoffnung darstellt.

Für Alle ist dieser Sommer eine besondere Zeit, denn es gibt eine Menge Abschiede. Kent Haruf erzählt davon in einem ruhigen und fast schon sachlichem Ton, der zwar eine melancholische Stimmung entstehen lässt, aber auch nicht mehr. Er ist ein aufmerksamer Beobachter, jede Kleinigkeit ist es wert, festgehalten zu werden, doch stets nur beschreibend, nie wertend. So genau sind seine Darstellungen, dass man die Kleinstadt und ihre Menschen bald deutlich vor Augen hat und ihre Ängste, Gedanken und Sorgen mitfühlen kann. Und merkwürdigerweise wird es nicht langweilig, obwohl nichts wirklich Aufregendes geschieht. Ein bisschen ist es, als ob man Menschen, die man mag, ein Stück in ihrem Leben begleitet. Nicht mehr – und nicht weniger 😊

Die geheimgehaltenen Wahrheiten

Cover Miracle Creek von Angie Kim

Angie Kim
Miracle Creek

Aus dem Englischen von Marieke Heimburger
hanserblau 2020
503 Seiten
ISBN 978-3-446-26630-8

Der kleine Ort Miracle Creek wird zum Schauplatz eines tragischen Unglücks: Eine in einer Scheune aufgestellte Druckkammer, in der Behandlungen mit reinem Sauerstoff durchgeführt werden, explodiert und ein achtjähriger autistischer Junge sowie eine Mutter von fünf Kindern sterben. Doch was zunächst wie ein Unglück aussieht, stellt sich als Verbrechen heraus. Die Mutter des Achtjährigen soll ein Feuer gelegt haben, das die Ursache für die Explosion war. Alle Indizien sprechen gegen sie und auch ihr Verhalten vor Gericht entkräftet diesen Verdacht nicht.

Erzählt wird die Geschichte, ausgehend von der dreitägigen Gerichtsverhandlung, aus Sicht verschiedener Betroffener, sodass nach und nach Wahrheiten ans Licht kommen, die das Geschehene jeweils in ein völlig anderes Licht rücken. Obwohl ich vergleichsweise früh vermutete, wer für Alles verantwortlich zu machen ist, verursachte jeder neue Perspektivwechsel auch neue Zweifel. Wirklich gut gemacht!

Doch dieses Buch ist nicht nur ein einfacher Krimi, der sich um die Frage nach dem oder der Schuldigen dreht, obwohl dieser Fall sicherlich seitenfüllend genug gewesen wäre. Angie Kim, die Autorin, greift Themen auf, die nicht nur aktuell sondern auch eher unschicklich sind und über die man sonst lieber schweigt. Es geht um Rassismus gegenüber und unter Einwanderern sowie um behinderte Kinder bzw. deren Mütter, die bei der Betreuung schier Unmenschliches leisten. Dass Angie Kim damit ihre eigenen Erfahrungen gemacht hat, wie sie in verschiedenen Interviews mitteilte, merkt man dem Buch an, wie ich finde.

Schwerpunkt der Geschichte ist die Mutter (Eltern) – Kind – Beziehung, wobei es hier hauptsächlich um Kinder mit teils schwersten Behinderungen geht. Während die Einen versuchen, ihrem behindertem Kind mit Disziplin und Strenge zu einem besseren Leben zu verhelfen und alles, wirklich alles probieren, versuchen die Anderen es mit größerer Lockerheit. Was sie jedoch verbindet, ist, dass sie ihr eigenes Leben aufgeben und es voll und ganz in den ‚Dienst‘ ihrer Kinder stellen – ob diese nun gesund sind oder nicht. Es wird als Selbstverständlichkeit angesehen, aber dass sie darüber zeitweise (ver)zweifeln, Gedanken hegen, die man besser nicht ausspricht – darüber redet man lieber nicht miteinander. Tut man es doch, kann man schnell in Teufels Küche kommen.

Eine richtig tolle Lektüre, die nicht nur spannend ist, sondern auch einen Einblick in andere Welten verschafft.

Krimibestenliste 2020, Mai Platz 8, Juli Platz 6

Kindheit und Jugend im Berlin der Nachwendezeit

Cover Am Rand der Dächer von Lorenz Just

Lorenz Just
Am Rand der Dächer
Dumont 2020
268 Seiten
ISBN 978-3-8321-8111-6

Andrej wächst in Berlin-Mitte auf, als plötzlich die Wende über die Stadt hereinbricht. Für ihn, seinen Bruder Anton und seinen Freund Simon eine aufregende Zeit, denn die verlassenen Häuser und Wohnungen sind phantastische Orte um die gemeinsamen Tage zu verbringen. Mit ihrem Älterwerden verändern sich nicht nur ihre Interessen und ihr Zeitvertreib, auch die Umgebung wandelt sich: Häuser werden saniert, die BewohnerInnen wechseln. Viel Vertrautes macht Platz für Neues.

Als Lesende begleitet man im Verlauf von 10 Jahren die Kinder bei ihren Streifzügen durch ihr Viertel, lernt HausbesetzerInnen kennen, lässt den Blick von den Dächern ihres Stadtviertels über Berlin schweifen, erfährt von der ersten Verliebtheit, kleinen und größeren Missetaten bis hin zu massiven Gesetzesübertretungen – alles, was ein Kinder- und Jugendlichenleben so ausmachen kann in einer Stadt, die sich in einem Umbruch von fast völliger Anarchie in westliche Ordnung befindet.

Ich-Erzähler ist der mittlerweile erwachsene Andrej, was den recht anspruchsvollen Sprachstil des Romans erklärt. Denn die erfindungsreichen Beschreibungen seiner Träume wie auch seines Innenlebens hätten den jungen Andrej höchst unglaubwürdig wirken lassen. Doch Lorenz Just gelingt es sehr überzeugend, trotz der Erzählung des erwachsenen Jungen die Sicht- und Denkweise des deutlich Jüngeren beizubehalten wie beispielsweise seine Sprünge durch Zeit und Raum, wenn ein ungenutzter Hinterhof zum Lebensraum der gigantischen Sumpfschildkröte Morla wird oder wenn ein Brachgelände den Schauplatz einer virtuellen Beerdigung eines Großvaters darstellt.

Zeitlich wie räumlich sind die Ähnlichkeiten zu Stern 111 von Lutz Seiler unübersehbar. Doch Am Rand der Dächer lässt sich nicht so leicht lesen, da häufig Sätze schon mal eine halbe Seite beanspruchen. Lesenswert ist es jedoch allemal.

Ein wunderbarer Comic für Gross und Klein!

Cover Manno! von Anke Kuhl

Anke Kuhl
Manno!
Klett Kinderbuch 2020
136 Seiten
ISBN 978-3-95470-218-3

Anke Kuhl, Illustratorin vieler wunderbarer und schöner Kinderbücher, hat mit ‚MANNO!‘ einen herrlichen Comic über ihre eigene Kindheit verfasst. Aufgewachsen in den 70ern gemeinsam mit einer etwas älteren Schwester, wird hier ein Stück (fast) heile Welt heraufbeschworen, die nur selten durch mittlere und kleine Katastrophen ins Wanken gebracht wird. Und selbst die sind (zumindest im Rückblick) häufig genug Anlass zum Lachen (ich schreibe da nur: Freischwimmer 😁).

Sehr realitätsnah wird das Familienleben mit der großen Schwester in 18 kleinen Geschichten beschrieben, das meist harmonisch wirkt und unter anderem durch gelegentlichen Geschwisterzoff gestört wird, der jedoch nicht lange anhält (herrlich: der Klobürstenkampf).

Obwohl Anke Kuhl ihre Figuren nicht allzu detailliert zeichnet, sind sie unverwechselbar. Hingegen sind die einzelnen Bilder voller Details, die typisch waren für die damalige Zeit: das Wählscheibentelefon im Krankenhaus, die Fensterkurbel im Auto, die Wohnzimmereinrichtung. Erwachsene im ähnlichen Alter wie die Autorin werden Vieles vermutlich wiedererkennen und in Erinnerungen schwelgen 😉.

Aber auch Kinder werden mit den Geschichten sicherlich ihr Vergnügen haben. Vieles von dem, was Anke damals erlebte, dürfte ihnen auch bekannt sein: die Angst vor großen Hunden, die Liebe zu den Großeltern, der Streit mit der Schwester. Dazu die fröhlichen bunten Bilder, die einige der nicht so schönen Dinge so überzogen darstellen, dass sie schon wieder lustig wirken und den Geschichten ihren Schrecken nehmen.

Ein durchweg richtig schönes Buch zum immer wieder Anschauen für Jung und Alt!

Nordirland der 90er – Sean Duffy ermittelt wieder

Cover Alter Hund Neue Tricks von Adrian McKinty

Adrian McKinty
Alter Hund Neue Tricks

Aus dem Englischen von Peter Torberg
Sean Duffy-Reihe #8
Suhrkamp Nova 2020
367 Seiten
ISBN 978-3-518-47060-2

Gerade als Sean Duffy als Teilzeitpolizist in der Reserve sich an sein neues ruhiges Leben gewöhnt hat, werden ihm von seinem Vorgesetzten aufgrund Personalmangels die Ermittlungen zu einem Mordfall übertragen. Eher widerwillig, doch dann mit zunehmender Begeisterung nimmt er die Arbeit auf und findet sich nach kürzester Zeit in einem überraschenderweise höchst komplexen Fall wieder, der ihn auch zu IRA-Funktionären im Exil führt.

Basierend auf realen historischen Geschehnissen im Nordirland der 90er Jahre, entwickelt Adrian McKinty einen Thriller, der ausgehend von einem zunächst simplen Mord die Verhältnisse im damaligen Nordirland sehr überzeugend beschreibt. Überall herrscht eine angespannte Atmosphäre, die Polizei ist grundsätzlich der Feind, von dem keine Hilfe zu erwarten ist. Gleichgültig wer befragt wird, sie bekommen keine Antworten, ausser wenn Sean Duffy zu seinen eher unkonventionellen Mitteln der Zeugenbefragung greift.

Im Kreise der Serien-ErmittlerInnen ist Sean Duffy für mich eine Ausnahmeerscheinung. Intelligent, gebildet und sozial eingestellt wie er sind zwar auch viele Andere, aber meist sind sie zudem depressiv, frustriert und/oder von irgendwelchen Drogen abhängig. Sean Duffy hingegen wirkt entspannt, häufig sogar gut gelaunt und hat Spaß an seiner Arbeit – und die Zeit mit den Drogen hat er hinter sich. Dazu sein herrlich lockerer Ton, in dem er seine Geschichte erzählt (waren die Vorgängerbände ebenso amüsant? Ich kann mich überhaupt nicht mehr erinnern.) – es ist ein Vergnügen, ihm bei seiner Arbeit zu folgen. Zur Verdeutlichung zwei Beispiele.

„Ich saß in der Klemme. Handelte es sich um protestantische Paras und sie bekamen mit, dass ich Katholik war, würden sie mir befehlen auszusteigen und vielleicht versuchen, mich umzubringen. Handelte es sich um Männer der IRA und sie fanden heraus, dass ich ein katholischer Polizist war, würden sie mir befehlen auszusteigen und ganz bestimmt versuchen, mich umzubringen.“

„Dann stürzte ich mich auf Jonty. Ja, ja, ich weiß, Gandhi, Buddha und all das, aber wer kann schon der Gelegenheit widerstehen, einen Nazi zu vermöbeln?“.

Eine rundum gelungene Fortsetzung der Sean-Duffy-Reihe und ich hoffe auf weitere Folgen!

Amüsante Unterhaltung mit Tiefgang – besser geht nicht!

Cover Ein Mann der Kunst von Kristof Magnusson

Kristof Magnusson
Ein Mann der Kunst
Kunstmann 2020
237 Seiten
ISBN 978-3-95614-282-3

Wenn ein an der Menschheit krankender Künstler sich dazu aufrafft, sich mit einer kunstsinnigen, aber wenig zur Selbstreflexion neigenden Gruppe zu treffen, ist das Debakel vorprogrammiert. Als der weltberühmte Maler KD Pratz dem ihn besuchenden Förderverein einen Spiegel ihres Lebens vorhält (nicht ohne selbst widersprüchlich zu sein), kommt es zu den unterschiedlichsten Reaktionen.

Kristof Magnusson schreibt mit einer Leichtigkeit, die einen dieses Buch mit einem Lächeln im Gesicht in einem Rutsch durchlesen lässt. Doch es ist mehr als ’nur‘ ein bloßer Unterhaltungsroman. Auch wenn die Geschichte im Kunstmilieu spielt und Manches sicherlich spezifisch ist, lässt sich Vieles auf die Gesellschaft im Allgemeinen und jeden Einzelnen übertragen. Zu handeln, ohne sich zu fragen, ob man das wirklich möchte; auf Kritik nur eine Reaktion zu kennen: Verärgerung; Dinge (Kunst) einfach aufzunehmen, ohne sofort ein Urteil zu fällen.

Beste Unterhaltung, die zum Nachdenken anregt!

Zoë Beck wusste es schon vorher 😉

Cover Paradise City von Zoe Beck

Zoë Beck
Paradise City
Suhrkamp Verlag 2020
280 Seiten
ISBN 978-3-518-47055-8

VerschwörungstheoretikerInnen aufgepasst: Dieses Buch befand sich gerade erst im Druck, als wir in Europa noch dachten, Corona sei nichts weiter als eine weitere etwas stärkere Grippewelle. Wer also mehr wissen möchte über unsere nächste Zukunft, kommt nicht umhin, dieses Buch zu lesen sowie alle anderen der Autorin. Und an den Rest: Auch wenn es nur Zufall ist, es ist erschreckend, wie manche der Szenarien in Zoë Becks neuem Buch der Realität ähneln.

In ‚Paradise City‘ ist Deutschland durch zunehmende Klimaveränderung und Pandemien in weiten Teilen entvölkert, die Menschen leben überwiegend in Millionenstädten. Bestimmender Faktor des Lebens ist die Überwachung und Kontrolle durch eine Gesundheitsapp, die permanent registriert, in welchem Zustand sich der Mensch befindet und gegebenenfalls eigenständig Maßnahmen ergreift. Als kleiner Nebeneffekt ist zudem die völlige Überwachung jedes Einzelnen möglich – man muss ja wissen, wohin man einen eventuellen Rettungswagen schicken muss. Liina, die bei einem der wenigen noch unabhängigen Nachrichtenportale arbeitet, wird zu einem Rechercheauftrag in die nahezu unbewohnte Uckermark geschickt, währenddessen ihr Chef einen eigentümlichen Unfall hat, der ihn fast das Leben kostet. Gemeinsam mit ihren KollegInnen machen sie sich auf die Suche nach den Hintergründen und bringen sich dabei in Lebensgefahr.

Die Welt, die Zoë Beck hier entwirft, ist verstörend, aber angesichts der Geschehnisse der letzten Monate nicht mehr undenkbar. Was mit einer guten Idee begann – Gesundheit und Sicherheit für Alle -, uferte aus und setzte sich nach und nach eigene Regeln und Vorgaben, zugunsten derer die Menschen freiwillig den größten Teil ihrer Freiheit aufgaben. Was daraus erwachsen kann, zeigt dieser Thriller exemplarisch.

Das Buch habe ich eher als Roman denn als Thriller empfunden – zu lange dauert es, bis die Geschichte tatsächlich an Fahrt aufnimmt. In der ersten Hälfte liegt der Schwerpunkt mehr auf der abwechselnden Beschreibung von Liinas aktuellem sowie ihrem vergangenen Leben, um so die neuen gesellschaftlichen Verhältnisse bzw. wie es dazu kam, darzustellen. Dennoch ist es lesenswert: unterhaltsam und spannend, mit einem Ausblick auf eine Zukunft, wie sie wohl keiner haben möchte.

Krimibestenliste Juli 2020 und August 2020

Leben und Sterben in der Heroinhölle Philadelphias

Cover Long Bright River von Liz Moore

Liz Moore
Long Bright River

Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
C.H. Beck Verlag 2020
414 Seiten
ISBN 978-3-406-74884-4

Mickey ist Streifenpolizistin in Kensington, Philadelphia, dem größten Drogenmarkt im Osten der USA. Dort wacht die Alleinerziehende über ihre jüngere, drogenabhängige Schwester Kacey, die sich ihr Geld mit Prostitution verdient und seit fünf Jahren nicht mehr mit ihr gesprochen hat. Als in dieser Gegend eine Reihe von Morden an Prostituierten verübt werden und Kacey nicht mehr aufzufinden ist, macht sich Mickey auf die Suche nach ihr.

‚Long Bright River‘ ist nicht nur ein Kriminalfall, sondern gleichzeitig auch eine Familiengeschichte und das Porträt eines Stadtteils, dessen Gesellschaft vermutlich die größte Krise seiner Existenz durchlebt. Wir Lesenden begleiten Mickey bei ihren täglichen Streifen durch Kensington, wo 1/3 der Ladenfronten verrammelt ist und überall Drogen und Sex angeboten werden. Es ist eine trostlose Atmosphäre, die nur durch gelegentliche Lichtblicke wie neue Bars und Geschäfte am Rande des Viertels aufgehellt wird. Wie die meisten Familien, die aus Kensington kommen, hat auch Mickeys‘ mit Drogenproblemen zu kämpfen. Nicht nur Kacey, auch ihre Eltern waren früh süchtig und starben, sodass die beiden Schwestern bei ihrer hartherzigen Großmutter aufwuchsen.

Mickey ist ein widersprüchlicher Charakter: Ihrem kleinen Sohn ist sie eine liebevolle Mutter, dem sie all ihre Aufmerksamkeit widmet, doch anderen Menschen gegenüber zeigt sie beinahe autistische Züge. Die herzlose Erziehung ihrer Großmutter und deren zynische Lebenseinstellung haben sie offenbar mehr geprägt als ihr bewusst ist im Gegensatz zu ihrer Schwester, die von Mickey für ihre Lebensfreude und ihr Selbstbewusstsein immer bewundert wurde. Liz Moore gelingt es erstaunlich gut, für Mickey einen Tonfall zu treffen, der häufig fast gänzlich frei ist von Gefühl, was sie nicht gerade zur Sympathieträgerin macht. Doch Rückblicke in ihre Kindheit und Jugend machen immer wieder deutlich, woher dieses Verhalten kommt.

Der Kriminalfall wird durch die Familiengeschichte fast schon in den Hintergrund gedrängt, was der Spannung jedoch nicht abträglich ist. Denn obwohl man vermutlich glaubt, eigentlich Alles zu wissen, ergeben sich eine Reihe überraschender Wendungen nicht nur bei der Suche nach dem Prostituiertenmörder.

Eine spannende Geschichte, die auch ein realistisches Bild eines Teils der heutigen Gesellschaft in den USA wiedergibt.

Krimibestenliste Februar 2020 und März 2020

Wenn die eigene Existenz ein Geheimnis ist

Cover Das zweitbeste Leben von Tayari Jones

Tayari Jones
Das zweitbeste Leben

Aus dem Englischen von Britt Somann-Jung
Arche Literatur Verlag 2020
352 Seiten
ISBN 978-3-71602783-7

Dana und ihre Mutter Gwen sind ein Geheimnis, denn Danas Vater und Gwens Ehemann James hat bereits eine Familie: Ehefrau Laverne und Tochter Chaurisse. Während Letztere glauben, ein glückliches normales Familienleben zu haben, wissen Dana und Gwen von James ‚erster‘ Familie. Insbesondere Dana leidet darunter, ihren Vater geheim halten zu müssen und nur einmal die Woche zu sehen. Als sie zufälligerweise die gleichaltrige Chaurisse kennenlernt, freunden die Beiden sich an ohne dass ihre Halbschwester weiß, wer Dana ist.

Die erste Hälfte des Buches wird aus der Sicht von Dana erzählt, die bereits als Kleinkind verinnerlichen musste, nicht über ihren Vater zu reden. Ohne ihn anzuklagen, macht sie jedoch deutlich, wie schwierig diese Situation für sie ist und wie sehr ihr Selbstbewusstsein darunter leidet. So sehr, dass sie es in ihrer ersten Beziehung hinnimmt, wieder verheimlicht zu werden. Mit zunehmendem Alter wird ihre Neugier auf ihre Halbschwester und deren Mutter immer größer und gemeinsam mit Gwen spionieren sie ihnen gelegentlich nach.

In der zweiten Hälfte erzählt Chaurisse, die auch während ihrer Freundschaft mit Dana ahnungslos bleibt, von ihrem Leben. Es ist ein typisches Teenagerdasein, das in erster Linie von den üblichen Problemen geprägt ist: Aussehen, Vergleich mit Anderen usw. Von ihr erfährt man auch mehr über die Vergangenheit von James, für den ich zumindest zeitweise fast so etwas wie Mitgefühl aufbringen konnte, aber wirklich nur fast.

Denn es sind die Frauen, die hier die starken Charaktere sind: Dana, Chaurisse und Gwen. Laverne bleibt außen vor, denn sie stellt sich nicht der Realität, sondern verschließt die Augen mit der Hoffnung, dass Alles so bleibt wie es war. Die Männer hingegen entpuppen sich der Reihe nach als Feiglinge, die nur auf ihren Vorteil bedacht sind oder einfach nur Angst haben. Und James schreckt sogar nicht davor zurück, seiner Tochter Dana die Schuld am Vorgefallenen zuzuweisen.

Obwohl die Handlung in einem schwarzen Milieu stattfindet, taucht der besonders in den Südstaaten der USA herrschende Rassismus (das Ganze spielt in den 80ern und früher) nur beiläufig auf in Sätzen wie „Deine Mama hat für weiße Leute die Wäsche gewaschen …“. Letzten Endes liest es sich wie eine Geschichte, die sich so in jeder Gesellschaft hätte ereignen können – von einigen wenigen Besonderheiten abgesehen.

Ein einfühlsamer und interessanter Einblick in zwei letzten Endes unglückliche Familienleben, verursacht durch den Egoismus und die Feigheit eines Mannes.

Familiengeschichte, Biographie – ganz sicher aber KEIN Thriller!

Cover American Spy von Lauren Wilkinson

Lauren Wilkinson
American Spy

Aus dem amerikanischem Englisch von Antje Althans, Jenny Merling, Anne Emmert, Katrin Harlaß
Tropen Verlag 2020
352 Seiten
ISBN 978-3-608-50464-4

Im Jahre 1987 ist Marie Mitchell Agentin beim FBI. Doch als Frau und dazu noch schwarz sind ihre Aussichten auf ein Weiterkommen in diesem Männerverein schlecht, sehr schlecht. Als sich unverhofft die Chance bietet, sich durch einen Undercovereinsatz in Burkina Faso zu profilieren und damit vielleicht einen Karrieresprung zu machen, sagt sie sofort zu. Doch nichts ist so wie es scheint und fünf Jahre später muss sie wegen dieses Einsatzes um ihr Leben fürchten – und das ihrer Kinder.

Gleich auf den ersten Seiten wird ums Überleben gekämpft und so eingestimmt, war ich natürlich darauf eingestellt, dass es ähnlich weitergeht. Doch damit lag ich daneben. Denn was nun folgt, sind wechselnde Rückblicke auf die Lebens- und Familiengeschichte der berichtenden Marie Mitchell, die dies für ihre beiden vierjährigen Söhne aufschreibt. Es ist eine Art Vermächtnis für den Fall, dass sie stirbt, bevor sie ihnen das Alles selbst erzählen kann. Die Geschichte ist durchaus interessant, aber sicher nicht spannend im Sinne eines Thrillers, sieht man vielleicht von den letzten 50 Seiten ab (von 350 Seiten insgesamt). Auf mich wirkte es mehr wie der Bericht einer Frau, die auf dem Weg zu ihrem Ziel nicht nur gegen den alltäglichen Rassismus überall kämpfen muss, sondern auch gegen diverse Familienaltlasten (Mutter, Schwester, Vater).

Der sogenannte Spionagefall, für den Marie rekrutiert wird, basiert auf realen Personen und Geschehnissen jener Zeit und ist grundsätzlich eine gute Idee, um auf diese Weise praktisch nebenbei mehr über Burkina Faso und Thomas Sankara zu erfahren. Doch es gibt leider keinerlei Anhang mit Erläuterungen (also selber im Internet recherchieren – es lohnt sich), und viele der Ausführungen im Text sind derart weitschweifig und/oder ausufernd, dass ich nur noch schräg las.
Marie selbst schreibt zwar als Ich-Erzählerin, aber viele ihrer Handlungen sind dennoch nur schwer nachvollziehbar, ganz besonders je mehr es dem Ende entgegengeht. Dies trifft auch auf andere Figuren zu und so wirkte Mancher und Manches bis zum Ende eher unglaubwürdig und flach. Okay, das Ende ist auf einen zweiten Teil hin ausgelegt, aber eventuelle Erklärungen zu merkwürdigen Personen hätte ich gerne in einer Geschichte, nicht in einem möglichen Folgeband.

Und dann ist noch die Sprache. Vier Übersetzerinnen hat dieses Buch und ich habe die Befürchtung, dass das nichts Gutes bedeutet. Beispielsweise:

„Auf dieser Straße erlebte ich die erste schlimme Wehe. Es tat so unglaublich, so unfassbar weh, dass ich am liebsten ein Lesezeichen an diese Stelle meines Lebens gesteckt hätte und später darauf zurückgekommen wäre, wenn ich ein besserer Mensch wäre.“

Hä? Oder als Marie den Auftrag erhält, einen Film aus einem stillen Briefkasten zu holen und in die Botschaft zu bringen:

„Ich war aufgeregt wegen des Auftrags, da er mir die Möglichkeit bot, aktiv zu werden, …“

Fünf Jahre beim FBI und dann aufgeregt sein wegen einer Filmabholung? So gibt es eine Reihe von Sätzen, die zwar in ‚ordentliches‘ Deutsch übersetzt wurden, aber schlicht keinen Sinn ergeben.

Auf der Rückseite steht „Wie das Beste von John Le Carré.“ Also ganz sicher nicht!

Krimibestenliste August 2020

Ein melancholischer Blick zurück aufs Leben

Cover Der letzte Satz von Robert Seethaler

Robert Seethaler
Der letzte Satz
Hanser 2020
128 Seiten
ISBN 978-3-446-26788-6

Wie mag es sein, wenn einem der eigene Tod immer näher rückt? Es einem bewusst wird, dass die verbleibende Zeit auf Erden sehr überschaubar ist? Davon schreibt Robert Seethaler in diesem Buch, in dem wir den berühmten Komponisten und Dirigenten Gustav Mahler auf seiner letzten Seereise begleiten.

Auf seinem Weg von New York zurück nach Europa verbringt der bereits schwer kranke Mann seine Tage meist an Deck, wo er sich vergangener Zeiten erinnert. Wie er seine geliebte Frau Alma kennenlernte, der Verlust seiner erstgeborenen Tochter Marie, der Erfolg der 8. Symphonie, seine Zeit in Wien undundund. Es sind kurze Ausschnitte eines erfolgreichen Lebens, das nicht frei von Kämpfen und auch Niederlagen war. Gustav Mahler, der gerade einmal 50 Jahre wurde, liebt das Leben und hadert doch mit ihm. Viel zu früh geht es zu Ende, denn wie gerne würde er seine Tochter Anna aufwachsen sehen, mehr Zeit mit seiner Frau verbringen, Vergangenes wieder gut machen.

Obwohl die Hauptfigur seinerzeit ein erfolgreicher Komponist und international gefeierter Dirigent war, geht es nur selten um Musik in diesem schmalen Büchlein. Doch der Rückblick auf dieses Leben hat mich neugierig gemacht auf das Werk Mahlers, so dass ich beim Lesen den titelgebenden letzten Satz der 9. Symphonie gehört habe. Für mich war dies eine Bereicherung, denn Robert Seethaler hat die Stimmung, die dieses Werk vermittelt, unglaublich gut in Worte gefasst. Eigentlich sollte man klassische Musik nicht unbedingt als Hintergrundberieselung nutzen, aber in diesem Fall harmoniert es so hervorragend, dass ich immer wieder beim Lesen inne hielt, um der Musik zuzuhören und das Gelesene noch deutlicher vor Augen zu sehen.

Einziger Makel: 120 sehr großzügig gesetzte Seiten für diesen Preis – das ist schon sportlich.

Deutscher Buchpreis Longlist 2020