Kategorie: Familiengeschichte

Auf der Suche

Cover Noch alle Zeit von Alexander Häusser

Alexander Häusser
Noch alle Zeit
Pendragon 2019
278 Seiten
ISBN 978-3-86532-655-3

Als Edvard schon über 60 Jahre alt ist, stirbt seine Mutter. Sein ganzes Leben hat er bei und mit ihr gelebt, weil die Anderen verschwunden sind: sein Vater und seine große Liebe Elsie. Seine Mutter konnte nicht ohne ihn leben, also ist er geblieben. Nach ihrem Tod entdeckt er ein Sparbuch mit einem kleinen Vermögen, das sein Leben völlig hätte verändern können. Warum verschwieg es ihm die Mutter? Ob es etwas mit dem Verschwinden seines Vaters zu tun? Edvard macht sich auf nach Norwegen, um dort Antworten zu bekommen.

Alva, nicht einmal halb so alt wie Edvard, bricht ebenfalls zu einer Reise nach Norwegen auf, um eine Reportage über magische Orte zu produzieren. Doch vor allem will sie mit sich selbst ins Reine kommen; will sich darüber klar werden, was mit ihr „nicht stimmt“, wie ihre Mutter immer meint. Denn sie möchte ihrer kleinen Tochter Lina eine gute Mutter sein. Auf der Fähre treffen diese beiden völlig verschiedenen Menschen aufeinander und setzen die Reise gemeinsam fort. Denn Jeder wäre ohne den Anderen verloren.

Es ist ein sehr ruhiges, in einem beinahe schon lyrischen Stil geschriebenes Buch, das neben der Norwegenreise die Lebensgeschichten der beiden ungleichen Menschen erzählt sowie ihre Suche nach der Wahrheit. Eine Wahrheit, die es in dieser absoluten Form nicht gibt wie Beide erkennen werden. Obwohl ich mich mit dieser fast durchweg poetischen Schreibweise nicht so richtig anfreunden konnte (manchmal hatte ich das Gefühl, dem Autoren wäre sie wichtiger als der Inhalt), sind die beschriebenen Landschaften faszinierend. Man meint, die Magie Norwegens fühlen zu können ebenso wie das Fließen der Elbe. Auch die Figuren entwickeln so viel Persönlichkeit, dass ich unbedingt wissen wollte, wohin sie ihr Weg führt.

Ein ruhiges, sehr gefühlvolles Buch – ideal für kalte Wintertage 😉

Wunderschöne schräge Geschichte mit kauzigen, liebenswerten Figuren

Dieses Buch ist wie eine Wundertüte, voller geheimnisvoller Dinge und Überraschungen, mit denen niemand rechnet. Denn eigentlich erzählt es die Geschichten der Menschen eines kleinen Dorfes im Westerwald, das von außen betrachtet wohl eher öde und langweilig wirkt. Doch die Menschen und deren Leben sind alles andere als öde und langweilig. Da ist Selma, die Großmutter der Erzählerin Luise, die Rudi Carrell ungeheuer ähnlich sieht und gelegentlich von einem Okapi auf einer Wiese träumt, worauf innerhalb der nächsten 24 Stunden jemand stirbt. Der Optiker, der eine ganze Wohngemeinschaft von Stimmen in sich beherbergt und unsterblich in Selma verliebt ist, ihr es aber nie gesteht. Dafür schreibt er ihr Liebesbriefe, die aber immer nach spätestens dem zweiten Satz enden und die er nie abschickt. Elsbeth, die abergläubische Schwägerin von Selma, die gegen Alles ein Heilmittel weiß und hat: Gicht, ausbleibende Liebe und ausbleibenden Kindersegen, unausgebliebene Hämorrhoiden und quer liegende Kälber. Und natürlich Luise, die Ich-Erzählerin, die bereits ihr ganzes Leben zwischen und mit diesen und noch mehr Menschen verbringt und in diesem Buch davon berichtet.

Nun könnte man meinen, was gibt es da schon groß zu berichten aus einem kleinen Dorf im Westerwald, was vermutlich auch Luises Vater so sieht (sein Lieblingssatz: „Ihr müsst dringend mal ein bisschen mehr Welt hereinlassen.“), denn er verschwindet eines Tages um zu reisen. Doch hier gibt es Alles, was es auch in der großen weiten Welt gibt: es wird gelebt, geliebt und gestorben, Glück und Drama, Freude und Leid. Und Mariana Leky lässt Luise so wunderbar liebevoll, heiter und bildhaft von dieser kleinen Welt in der großen erzählen, dass ich am liebsten sofort aufgebrochen wäre, um all diese Menschen kennenzulernen. Wunderschöne Sätze folgen einer nach dem andern und ich schwelgte so richtig in dieser herrlichen Sprache:

Er sah ihn (den Hund) nur selten, das vereinfachte die Liebe, denn Abwesende können sich nicht danebenbenehmen.

Es schien, als habe er (der Hund) mehrere Leben, die er alle hintereinander weglebte, ohne zwischendurch zu sterben.

Marlies‘ Tante hatte sich umgebracht, im Alter von 92 Jahren hatte sie sich in der Küche erhängt, wofür Marlies kein Verständnis hatte, denn mit 92, fand sie, lohne das Aufhängen ja kaum noch.“

Ein Buch über das Leben, die Liebe und den Tod – wunderschön!

Wenn die Vergangenheit das Leben bestimmt

Cover Serpentinen von Bov Bjerg

Bov Bjerg
Serpentinen
claassen 2020
267 Seiten
ISBN 978-3-546-10003-8

Der Ich-Erzähler des Buches scheint Alles erreicht zu haben: glückliche Ehe und ein gesundes Kind, erfolgreich und anerkannt im Beruf. Doch das Erlebte seiner Kindheit ist nicht vergessen: die Selbstmorde seines Vater, Großvaters und Urgroßvaters, die ihn fürchten lassen, selbst der Nächste zu sein. Die Misshandlungen durch Vater, Mutter und Stiefvater, die sich derart tief eingegraben haben, dass er immer wieder feststellen muss, dass er zu ähnlichen Verhaltensmustern neigt. Seine ärmliche Herkunft aus dem Schwäbischen die ihn glauben lässt, dass er selbst als anerkannter Teil der Hochschule, Professor und Koryphäe seines Fachs, seinen Kolleginnen und Kollegen bürgerlicher Herkunft nicht ebenbürtig sei. Als er mit seinem kleinen Sohn eine Reise in seine schwäbische Heimat unternimmt, brechen all die Erinnerungen, Verletzungen und Demütigungen mit enormer Kraft hervor und es ist klar: Um seinem Sohn ein guter Vater zu sein, muss er seine Vergangenheit hinter sich lassen.

Ein einfaches Lesevergnügen ist dieses Buch wahrlich nicht, denn der Erzählstil ist nicht gerade einladend. Den chronologischen Rahmen bildet die Reise des Ich-Erzählers mit seinem Sohn, währenddessen er immer wieder in kurzen Episoden aus der Vergangenheit schildert, sowohl von seiner Kindheit und Jugend wie auch seiner Zeit als Ehemann und Vater. Die Sätze sind meist kurz und knapp und klingen stakkatohaft, wie getrieben, wohl um den Gefühlszustand des Erzählers wiederzugeben. Namensnennungen gibt es nur für Personen, die ihm nicht (mehr) nahe stehen, während beispielsweise seine Frau M. heißt und der Sohn nur ‚der Junge‘ genannt wird. Hinzu kommt eine recht überschaubare Handlung, sodass alles zusammen genommen kein richtiger Erzählfluss entsteht.

Doch der Autor besitzt die Kunst, Situationen überaus anschaulich zu beschreiben. Beispielsweise über seine Mutter, die als Flüchtling auf die Schwäbische Alb kam, Schwäbisch lernte um anerkannt zu werden und nun dement im Altenheim lebt.

Jetzt, am Ende, verlor sie die so gründlich erarbeitete Zweitsprache wieder. Sie sprach nur noch die Sprache ihrer ersten Jahre.
Ihr Gedächtnis war fast abgetragen, Schicht für Schicht, bis hinunter zum Plusquamperfekt.
Darunter gab es keine Lage mehr, in der noch etwas gespeichert war.
Ihre Sprache war fast abgetragen. Unter dem Kindheitsdialekt lagen keine Sätze mehr, da lag nur noch Lallen, Keckern, Wimmern.

S. 148

Auch seine Darstellungen der Vergangenheit sind vielleicht gerade wegen ihrer Knappheit prägnant und treffsicher und ich (aus dieser Zeit und Gegend stammend) habe Vieles wiedererkannt – leider. So bleibt am Ende ein zwiespältiges Leseerlebnis: keine herausragende Geschichte, aber eindringliche Bilder eines Lebens, das die Vergangenheit fast zerstört hätte.

Deutscher Buchpreis Shortlist 2020

Interessante Sätze, aber wenig inspirierende Geschichte

Cover 1000 Serpentinen Angst von Olivia Wenzel

Olivia Wenzel
1000 serpentinen angst
S. Fischer 2020
349 Seiten
ISBN 978-3-10-397406-5

Die Jury des diesjährigen Deutschen Buchpreises scheint eine Vorliebe für Häppchenliteratur zu haben – zumindest ist es nach ‚Aus der Zuckerfabrik‘ bereits das zweite Buch, das keine fortlaufende Geschichte erzählt, sondern aus eher kurzen Sequenzen zusammengesetzt ist. Tja, und ich muss feststellen: Meins ist das nicht.

Eine junge schwarze Frau, geboren und aufgewachsen in der DDR, erzählt – obwohl, nein, das stimmt nicht, sie erzählt nicht, sie antwortet. Es sind Dialoge, in denen die junge Frau von einer meist unbestimmten Person zu bestimmten Ereignissen usw. befragt wird, die sie dann mehr oder weniger ausführlich beantwortet. Es geht um Alltagserfahrungen aus der Kindheit wie aus ihrem Erwachsenenleben; der Enge und die fehlende Freiheit in der DDR; der alltägliche Rassismus in Ost und West; in den USA plötzlich das Gefühl zu haben, Teil einer Gemeinschaft zu sein; um Liebe, Einsamkeit und Familie.

Doch es kommt kein richtiger Lesefluss auf, obwohl es richtige gute Stellen in diesem Buch gibt, die beispielsweise deutlich machen, was es bedeutet, als BürgerIn eines Landes in der Minderheit zu sein:

Was soll mir meine weiße Großmutter antworten auf die Frage, …, was es bedeutet, keinen Ort zu kennen, an dem man selbst die Norm ist?

S. 82

Aber dieses dauernde Frage-Antwort-Spiel, das von Ort zu Ort und Zeit zu Zeit springt, empfand ich irgendwann einfach nervig und ertappte mich dabei, dass ich anfing diagonal zu lesen. Kein gutes Zeichen.
Dazu surrealistisch anmutende Szenen, in denen ein Snackautomat eine wichtige Rolle spielt – ach ne, das ist mir doch zu viel des Guten. Aber vielleicht bin ich auch einfach nur altmodisch.

Deutscher Buchpreis Longlist 2020

Ein Haus das Leben verändert

Cover Das Gartenzimmer von Andreas Schäfer

Andreas Schäfer
Das Gartenzimmer
DuMont 2020
337 Seiten
ISBN 978-3-8321-8390-5

Adam Rosen und seine Frau Elsa lassen sich 1909 von dem jungen, später sehr erfolgreichen und berühmten Architekten Max Taubert ein Haus entwerfen und bauen. Die schöne Dahlemer Villa wird schnell zu einen bekannten Treffpunkt der kulturell gebildeten Oberschicht. Jahrzehnte später, Mitte der 90er, erwirbt das Ehepaar Lekebusch das mittlerweile seit langem leerstehende Gebäude und lässt es aufwändig restaurieren. Besonders Hannah Lekebusch ist derart fasziniert von der Vergangenheit des Hauses, dass sie einen Pilgerort für Taubert-Fans erschafft – sehr zum Leidwesen ihres Mannes und Sohnes.

Andreas Schäfer erzählt abwechselnd vom Leben der BewohnerInnen und den Gästen des Hauses, mit dem jede und jeder Einzelne auf ganz eigene Art und Weise verbunden ist. Während das Ehepaar Rosen die Villa vorbehaltlos liebt, trifft es bei Lekebuschs nur bei Hannah auf bedingungslose Hingabe. Alles ordnet sie dem Ziel der originalgetreuen Wiederherstellung unter, während ihrem Sohn Luis die Villa Rosen eher Unbehagen vermittelt und Ehemann Frieder die Beinahe-Obsession seiner Gattin gehörig auf die Nerven geht. Die Kapitel wechseln zwischen den Zeiten zu Beginn und Ende des 20. Jahrhunderts, was jedoch nicht zu Verwirrung führt, da die vergangenen Ereignisse immer wieder in Verbindung mit dem gegenwärtigen Geschehen stehen und damit Erklärungen liefern. So begleitet man nicht nur die Figuren durch die Geschichte, sondern auch das Haus, das durch die detaillierte Beschreibung des Autors fast schon eine eigenständige Persönlichkeit entwickelt.

Doch diese Liebe zum Detail könnte für manch architektonisch und an Design nicht so Interessierte ein Manko darstellen, vielleicht weil manche Ausführungen schon fast an ein Sachbuch erinnern.

Die quadratischen Fassaden mit den Fensterflächen wiesen weder Sockel noch Dachgesimse auf, nicht mal Fensterkreuze. Der einzige Schmuck, …, bestand aus vier Backsteinstufen hinauf zur Eingangstür, breit und weit vorkragend.

S. 125/126

Dennoch lohnt sich die Lektüre, denn Andreas Schäfers Sprache ist so ausdrucksvoll und bilderreich, dass man die Personen tatsächlich zu kennen glaubt und sich nichts lieber wünschen würde, als selbst dieses Haus zu besuchen – mir ging es zumindest so 😉

Übrigens: Das Haus gibt es so oder zumindest sehr ähnlich. Es handelt sich offenbar um das erste Auftragswerk des damals 21-jährigen Mies van der Rohe – das Haus Riehl in Babelsberg des Philosophen Alois Riehl. Vielleicht fahre ich ja mal hin …

Ein Ehedrama in Trumpschen Zeiten

Cover Unter uns das Meer vom Amity Gaige

Amity Gaige
Unter uns das Meer
Aus dem amerikanischen Englisch von André Mumot
Eichborn 2020
384 Seiten
ISBN 978-3-847-90051-1

Dass Trump die Spaltung der USA immer weiter vorantreibt, dürfte vermutlich den Meisten bekannt sein. Doch wer macht sich klar, wie viele (auch enge) Beziehungen davon betroffen sind? Gegensätze ziehen sich an und bereichern im positiven Fall das Miteinander. Doch was macht es mit Menschen, die in den aktuellen Zeiten für unterschiedliche politische Lager stehen?

Davon und von noch viel mehr handelt dieses Buch, das vordergründig einen Segeltörn beschreibt, zu dem ein junges Ehepaar mit seinen beiden kleinen Kindern aufbricht, um ein Jahr auf dem Meer zu verbringen. Michael träumt schon lange davon, seinen Traum von Freiheit in die Realität umzusetzen und hofft, damit auch die kriselnde Ehe mit Juliet in ruhigeres Fahrwasser zu führen. Doch Juliet ist alles andere als begeistert und willigt eher widerwillig in diese Reise ein.

Das Ganze beginnt wie ein Krimi, denn gleich zu Beginn ist klar, dass etwas Furchtbares geschehen sein muss ohne dass Juliet, die Icherzählerin, über Details berichtet. So ahnt man das Schlimmste und die Befürchtungen steigern sich noch, als der zweite Erzählstrang einsetzt. Michaels Eintragungen ins Logbuch werden von Beginn der Reise an wiedergegeben und wechseln sich im Fortlauf der Geschichte mit Juliets Erzählungen ab.

Die Autorin vermittelt überzeugend die Sichtweisen ihrer beiden Hauptfiguren, die so unterschiedlich sind, dass man immer wieder darüber staunt, wie sie zusammengefunden haben. Michael studierte BWL und ist ein überzeugter Republikaner und Trumpwähler (auch wenn dieser nicht namentlich genannt wird), wobei es Amity Gaige gelingt, den Lesenden seine Einstellung bis zu einem gewissen Grad sogar nachvollziehbar zu vermitteln. Juliet wiederum ist das Gegenteil: Sie absolvierte ein Lyrikstudium, ist Demokratin und kann den Beinahe-Hass ihres Mannes auf den Staat nicht nachvollziehen. Zudem leidet sie an Depressionen aufgrund eines Kindheitstraumas, was ihrem Mann bekannt ist. Allerdings fühlt er sich eher hilflos mit dieser Situation und weiß nicht, wie er damit umgehen soll.

Auf dem Boot sind sie gezwungen, gemeinsam mit ihren beiden Kindern auf engstem Raum zu leben, ohne sich aus dem Weg gehen zu können, was natürlich dazu führt, dass sie sich grundsätzlich miteinander auseinandersetzen müssen und wobei eine Menge zur Sprache kommt. Etwas, was im normalen Leben vielleicht viele Paare zu vermeiden versuchen 😉

Es ist eine Menge, was in diese Geschichte hineingepackt wurde und im Großen und Ganzen auch nachvollziehbar und glaubhaft. Aber dass am Ende zusätzlich noch ein übler Verdacht im Raum steht, als wäre Alles noch nicht schlimm genug, hätte wirklich nicht sein müssen. Das Buch hat auch so schon eine Menge zu erzählen.

Auf der Suche nach dem besseren Leben

Cover Die verschwindende Hälfte von Brit Bennett

Brit Bennett
Die verschwindende Hälfte
Aus dem Englischen von Isabel Bogdan und Robin Detje
Rowohlt 2020
415 Seiten
ISBN 978-3-498-00159-9

Passing ist ein Phänomen, dass es bereits länger gibt, in Europa aber eher unbekannt ist, obwohl es auch hier existiert. Dabei wird die soziale Identität eines Menschen (Geschlecht, Klasse, Ethnie usw.) von seiner Umwelt nicht erkannt, so dass die damit verbundenen Erwartungen, Rechte und Pflichten nicht existieren. Wie beispielsweise in Deutschland die Juden während des Dritten Reiches, die ihr Jüdischsein verheimlichten, um so der Verfolgung zu entgehen. Heute ist es insbesondere in den USA Thema, wobei Schwarze mit sehr heller Haut für Weiße gehalten und entsprechend behandelt werden, wovon dieses Buch unter anderem auch erzählt.

1938 werden die Zwillinge Desiree und Stella in dem kleinen Nest Mallard im Süden der USA geboren, dessen BewohnerInnen es sich zum Ziel setzen, mit jeder Generation hellhäutiger zu werden. Mit 16 Jahren brennen die Beiden durch und gehen nach New Orleans, wo sich ihre Wege trennen.

„… Desiree heiratete den dunkelsten Mann den sie finden konnte.“

und bekommt eine Tochter,

„… so schwarz, schwärzer geht’s nicht.“

Stella hingegen

„… wurde zur weißen Stella.“,

was sie jedoch nur sein konnte,

„…, wenn Desiree nicht dabei war.“

Sie heiratet einen vermögenden weißen Mann aus dem Geldadel und bekommt eine blonde Tochter.

Die Lebenswege der beiden Frauen entwickeln sich so weit auseinander, dass sie sich nie wieder gesehen hätten, wären ihre Töchter sich nicht begegnet. Denn Desiree kehrt mit ihrer Tochter Jude nach Mallard zurück, während Stella ihr Leben als Weiße in der High Society in Los Angeles führt.

Brit Bennett, die Autorin, zeigt in diesem Buch überdeutlich, wie groß die Unterschiede der Möglichkeiten sind, die je nach Hautfarbe zur Wahl stehen. Während Stella praktisch alles werden kann, bleibt für Desiree letzten Endes der Job in der Kneipe. Aber das Leben auf einer Lüge aufzubauen, hat ebenfalls seinen Preis.

Überzeugend stellt Bennett dar, wie Stella aus Angst, enttarnt zu werden, am heftigsten gegen die ersten schwarzen Nachbarn protestiert. Und wie sie ständig in der Furcht lebt, als das erkannt zu werden, was sie ist: schwarz.

Auch gut gefallen hat mir, wie Bennett die Charaktere der Töchter in Teilen fast spiegelbildlich zu denen ihrer Mütter entwirft. Desirees Tochter Jude hat mehr Ähnlichkeit mit Stella, während Stellas Tochter Kennedy viele Wesenszüge ihrer Tante aufweist. Doch Beide tragen ganz klar das Erbe ihrer Mütter in sich, während die Väter kaum eine Rolle spielen.

Wirklich lesenswert!

Was wirklich zählt

Cover Kostbare Tage von Kent Haruf

Kent Haruf
Kostbare Tage
Aus dem Amerikanischen von pociao und Roberto de Hollanda
Diogenes 2020
345 Seiten
ISBN 978-3-257-07125-2

Es ist Sommer in Holt, einer Kleinstadt in Colorado. Und es wird der letzte Sommer sein für Dad Lewis, der sein ganzes Leben dort verbrachte. Dad hat Krebs und ihm bleibt noch ein Monat, vielleicht etwas länger.

Von dieser Zeit erzählt ‚Kostbare Tage‘ und trotz dieses eigentlich trostlosen Themas ist es nie hoffnungslos, kitschig oder schwülstig. Man lernt nicht nur Dad und seine Familie kennen: seine ihn voller Hingabe pflegende Frau Mary, die auch er noch immer von ganzem Herzen liebt; ihre Tochter Lorraine, die ihren Eltern zur Seite steht; und ihren Sohn Frank, von dem sie schon Jahre nichts mehr gehört haben. Da gibt es noch die Johnsons, Mutter und Tochter, die gegen die Einsamkeit kämpfen; den neuen Reverend Lyle, der nicht nur mit der Gemeinde, sondern auch seiner Familie Schwierigkeiten hat; seinen Sohn John, der eine erste Liebe der besonderen Art erlebt; und Berta, die Nachbarin, mit ihrer kleinen Enkelin Alice, die für Alle eine Hoffnung darstellt.

Für Alle ist dieser Sommer eine besondere Zeit, denn es gibt eine Menge Abschiede. Kent Haruf erzählt davon in einem ruhigen und fast schon sachlichem Ton, der zwar eine melancholische Stimmung entstehen lässt, aber auch nicht mehr. Er ist ein aufmerksamer Beobachter, jede Kleinigkeit ist es wert, festgehalten zu werden, doch stets nur beschreibend, nie wertend. So genau sind seine Darstellungen, dass man die Kleinstadt und ihre Menschen bald deutlich vor Augen hat und ihre Ängste, Gedanken und Sorgen mitfühlen kann. Und merkwürdigerweise wird es nicht langweilig, obwohl nichts wirklich Aufregendes geschieht. Ein bisschen ist es, als ob man Menschen, die man mag, ein Stück in ihrem Leben begleitet. Nicht mehr – und nicht weniger 😊

Viele kleine Geschichten

Cover Herkunft von Sasa Stanisic

Saša Stanišić
Herkunft
Luchterhand 2019
368 Seiten
ISBN 978-3-630-87473-9

Wer bei diesem Buch einen Roman erwartet, eine fortlaufende Geschichte über einen Menschen oder eine Familie, wird gleich zu Beginn irritiert sein. Denn ‚Herkunft‘ erzählt zwar von einem Menschen und seiner Familie, springt dabei jedoch hin und her zwischen Zeiten, Welten, Personen. In vergleichsweise kurzen Kapiteln (meist nur zwei, drei Seiten lang) lernen wir den Herkunftsort der Stanišić‘ kennen, einen Großteil der Verwandtschaft sowie der Vorfahren, um gleich danach im Jahre 2018 zu landen und wieder zurück im früheren Jugoslawien.

Berichtet wird vom Alltäglichen, zum Beispiel der Art des Lebens im früheren Jugoslawien, aber auch von den Schwierigkeiten, die die Familie Stanišić bewältigen musste: Flucht vor dem Bosnienkrieg, Ankunft in einem fremden Land (Deutschland) und das Zurechtfinden dort, der Versuch eines Neuanfangs. Nicht immer wird einfach erzählt, manchmal werden ganz sachlich nur Dinge aufgezählt, beispielsweise um den Großvater zu beschreiben.

Gemeinsam mit dem Autor kommt man mit jeder Seite seiner Herkunft näher, seinem Verständnis von Heimat, was sich nicht nur im früheren Jugoslawien festmachen lässt. Es ist die Verbundenheit zu Menschen und Orten zu verschiedenen Zeiten, wo man sich sicher und willkommen fühlt(e). „Fragt mich jemand, was mir Heimat bedeutet, erzähle ich vom freundlichen Grüßen eines Nachbarn über die Straße hinweg.

Durch die vielen Wechsel von Ort und Zeit lässt sich das Buch nicht so einfach lesen wie zum Beispiel ‚Wie der Soldat das Grammofon repariert‘, aber Saša Stanišić‘ humorvoller Grundtenor macht es einem auch nicht allzu schwer. „Rike (seine erste Liebe) mochte kein Fleisch (ich leider schon), also wurde ich irgendwann Vegetarier. Mutter hätte mich dafür wahrscheinlich am liebsten mit Frühlingslauch erwürgt.

Es ist ein gutes Buch nicht nur über Herkunft, sondern ebenso darüber was es bedeutet, fremd zu sein, nicht dazuzugehören. Und wie wenig es im Grunde genommen braucht, eine Heimat zu haben.

Preisträger Deutscher Buchpreis 2019

Wenn die eigene Existenz ein Geheimnis ist

Cover Das zweitbeste Leben von Tayari Jones

Tayari Jones
Das zweitbeste Leben

Aus dem Englischen von Britt Somann-Jung
Arche Literatur Verlag 2020
352 Seiten
ISBN 978-3-71602783-7

Dana und ihre Mutter Gwen sind ein Geheimnis, denn Danas Vater und Gwens Ehemann James hat bereits eine Familie: Ehefrau Laverne und Tochter Chaurisse. Während Letztere glauben, ein glückliches normales Familienleben zu haben, wissen Dana und Gwen von James ‚erster‘ Familie. Insbesondere Dana leidet darunter, ihren Vater geheim halten zu müssen und nur einmal die Woche zu sehen. Als sie zufälligerweise die gleichaltrige Chaurisse kennenlernt, freunden die Beiden sich an ohne dass ihre Halbschwester weiß, wer Dana ist.

Die erste Hälfte des Buches wird aus der Sicht von Dana erzählt, die bereits als Kleinkind verinnerlichen musste, nicht über ihren Vater zu reden. Ohne ihn anzuklagen, macht sie jedoch deutlich, wie schwierig diese Situation für sie ist und wie sehr ihr Selbstbewusstsein darunter leidet. So sehr, dass sie es in ihrer ersten Beziehung hinnimmt, wieder verheimlicht zu werden. Mit zunehmendem Alter wird ihre Neugier auf ihre Halbschwester und deren Mutter immer größer und gemeinsam mit Gwen spionieren sie ihnen gelegentlich nach.

In der zweiten Hälfte erzählt Chaurisse, die auch während ihrer Freundschaft mit Dana ahnungslos bleibt, von ihrem Leben. Es ist ein typisches Teenagerdasein, das in erster Linie von den üblichen Problemen geprägt ist: Aussehen, Vergleich mit Anderen usw. Von ihr erfährt man auch mehr über die Vergangenheit von James, für den ich zumindest zeitweise fast so etwas wie Mitgefühl aufbringen konnte, aber wirklich nur fast.

Denn es sind die Frauen, die hier die starken Charaktere sind: Dana, Chaurisse und Gwen. Laverne bleibt außen vor, denn sie stellt sich nicht der Realität, sondern verschließt die Augen mit der Hoffnung, dass Alles so bleibt wie es war. Die Männer hingegen entpuppen sich der Reihe nach als Feiglinge, die nur auf ihren Vorteil bedacht sind oder einfach nur Angst haben. Und James schreckt sogar nicht davor zurück, seiner Tochter Dana die Schuld am Vorgefallenen zuzuweisen.

Obwohl die Handlung in einem schwarzen Milieu stattfindet, taucht der besonders in den Südstaaten der USA herrschende Rassismus (das Ganze spielt in den 80ern und früher) nur beiläufig auf in Sätzen wie „Deine Mama hat für weiße Leute die Wäsche gewaschen …“. Letzten Endes liest es sich wie eine Geschichte, die sich so in jeder Gesellschaft hätte ereignen können – von einigen wenigen Besonderheiten abgesehen.

Ein einfühlsamer und interessanter Einblick in zwei letzten Endes unglückliche Familienleben, verursacht durch den Egoismus und die Feigheit eines Mannes.