Kleine Dinge wie diese

Claire Keegan
Kleine Dinge wie diese
Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser
Steidl 2022
109 Seiten
ISBN 978-3-96999-065-0
Die Geschichte spielt im Irland des Jahres 1985, kurz vor Weihnachten. Im Mittelpunkt steht Bill Furlong, ein Kohlenhändler aus einer kleinen Stadt – verheiratet, Vater von fünf Töchtern, ein bescheidenes, aber gesichertes Leben. Doch Bills Vergangenheit ist alles andere als selbstverständlich: Er ist das uneheliche Kind eines Dienstmädchens, das trotz seiner Schwangerschaft in seiner Anstellung bei der wohlhabenden Mrs. Wilson bleiben durfte. Nach dem frühen Tod seiner Mutter wuchs Bill im Haus von Mrs. Wilson auf; sie sorgte für seine Schulbildung und legte so den Grundstein für sein heutiges Leben.
Weil der Winter 1985 ungewöhnlich hart ist, muss Bill auch kurz vor den Feiertagen noch Kohlen ausfahren – unter anderem zum Kloster am Rand der Stadt, das eine Wäscherei betreibt, wo angeblich „moralisch fragwürdige“ Mädchen arbeiten. Als Bill im Kohleschuppen des Klosters auf ein junges Mädchen stößt – viel zu dünn angezogen, abgemagert, verschmutzt und verängstigt –, bringt er sie ins Haupthaus. Auf dem Weg dorthin flüstert ihm ein anderes Mädchen zu, sie wolle in den Fluss springen. Die Oberin bittet Bill auf eine Tasse Tee und versucht dennoch, ihn so schnell wie möglich wieder loszuwerden.
Bill verlässt das Kloster, bevor er weiß, ob das Mädchen versorgt wurde. Von nun an plagen ihn Gewissensbisse. Seine Frau redet ihm gut zu: Er habe alles richtig gemacht, er müsse an seine Familie denken. Auch andere machen ihm klar, er solle sich nicht mit den Nonnen anlegen – die Kirche habe schlicht zu viel Macht. Doch Bill lässt das Erlebte nicht los, denn er weiß: Seine eigene Mutter hätte eines dieser Mädchen sein können.
Claire Keegan schreibt mit einer Sprache, die perfekt zur Figur des Bill Furlong passt: ruhig, präzise, von tiefer Empfindsamkeit. Jeder Satz sitzt. Während andere Figuren – allen voran Bills Frau – das Unangenehme einfach ausblenden, spürt der Leser durch Keegens Prosa unmittelbar, wie es Bill innerlich zerreißt. Diese sprachliche Zurückhaltung macht das Buch umso eindringlicher.
Das Herzstück des Romans ist Bills innerer Konflikt: Soll er handeln – und damit seine Familie, seine Existenz, seinen Frieden riskieren? Oder soll er wegsehen, wie alle anderen? Keegan schildert dieses Hin- und Hergerissensein so überzeugend, dass man als Leserin wirklich nachfühlt, wie schwer eine scheinbar kleine Entscheidung wiegen kann. Es ist kein dramatischer Showdown, den sie beschreibt, sondern das leise, zermürbende Gewicht des Gewissens.
In einer Nachbemerkung weist Claire Keegan darauf hin, dass die im Buch beschriebenen Einrichtungen keine Erfindung sind. Die sogenannten Magdalenen-Wäschereien wurden von der katholischen Kirche und dem irischen Staat betrieben. Zwischen zehntausend und dreißigtausend Mädchen und Frauen wurden dort eingesperrt und zur Zwangsarbeit gezwungen. Unzählige starben, Tausende von Babys ebenfalls – oder sie wurden ohne Einwilligung der Mütter zur Adoption freigegeben. Das letzte dieser Häuser schloss erst 1996 seine Pforten.
„Kleine Dinge wie diese“ ist ein schmales Buch – kaum mehr als 100 Seiten –, das in dieser Kürze Erstaunliches leistet. Es erzählt von irischer Geschichte, von der Heuchelei religiöser Institutionen, von der Feigheit des Wegsehens und der stillen Größe der Herzensgüte. Und es erinnert daran, dass Menschlichkeit keine große Geste braucht – manchmal reicht eine kleine Tat, um alles zu verändern. Uneingeschränkte Leseempfehlung.


Neueste Kommentare