Marseille 1940

Uwe Wittstock
Marseille 1940 – Die große Flucht der Literatur
C.H. Beck 2024
351 Seiten
ISBN 978-3-406-81490-7
August 1940: Die Deutschen rücken in atemberaubendem Tempo vor, Paris leert sich, Menschen fliehen zu Fuß Richtung Süden. Ihr Ziel: Marseille, größte Stadt der unbesetzten Zone, nah an Spanien, fern von den Nazis. Von dort hoffen sie, Europa zu verlassen – doch dafür brauchen sie vor allem eines: Papiere. Und Geld.
Beides kann Varian Fry organisieren, ein junger amerikanischer Intellektueller, der in New York das Emergency Rescue Committee gründet und selbst nach Frankreich reist. Ohne jeden persönlichen Zwang bringt er sich in Lebensgefahr, um verfolgten Künstlern und Schriftstellern zur Flucht zu verhelfen. Fry ist ein kompromissloser Idealist, literaturbegeistert, stur, und ständig im Streit mit seinen Geldgebern – eine fast absurde Nebenhandlung.
Auch das amerikanische Außenministerium zeigt wenig Interesse an politisch verfolgten Flüchtlingen, besonders an jüdischen. Trotzdem organisiert Fry ein geheimes Fluchtsystem: Visa, Bestechungen, Schiffspassagen, illegale Routen über die Pyrenäen. Unterstützt wird er von Lisa und Hans Fittko, die immer wieder Menschen über Schmugglerpfade nach Spanien bringen – unter Lebensgefahr.
Am Ende retten Fry und sein Netzwerk rund 2.000 Menschen, darunter Heinrich Mann, Hannah Arendt und Lion Feuchtwanger. Dennoch bleibt die Anerkennung mager: Fry endet nach dem Krieg als Werbetexter für Coca-Cola, erst 1994 wird er von Yad Vashem geehrt.
Doch „Marseille 1940“ ist keine klassische Heldenbiografie. Uwe Wittstock erzählt die Geschichte einer Massenflucht – und das erstaunlich spannend. Mit filmreifen Szenen schildert er reale Dramen: Feuchtwangers Flucht aus dem Internierungslager, Anna Seghers, die mit ihren Kindern in einer Hütte von deutschen Soldaten überrascht wird und in Panik ihre Papiere verbrennt.
Wittstock muss nichts zuspitzen – die Wirklichkeit ist dramatisch genug. „Marseille 1940“ ist ein Buch über Angst, Hoffnung und Mitmenschlichkeit, über Ideale und Improvisation, und vor allem: über das nackte Überleben. Eine eindringliche, packende und sehr aktuelle Leseempfehlung.


Neueste Kommentare