Der Sternsee

Will Gmehling & Jens Rassmus
Der Sternsee
Peter Hammer Verlag 2025
54 Seiten
ISBN 978-3-7795-0766-6
Vier Kinder, eine Hochhaussiedlung, ein kleiner gezackter See. Im Winter friert er zu – schön, man kann über das Eis zur Schule stapfen. Im Sommer bleibt er zugefroren – Sensation, Fernsehteams kommen, Forscher aus aller Welt, Pommesbuden auf dem Eis. Und die Kinder? Sitzen auf einer Bank und reden.
Will Gmehling, der selbst in einer Siedlung der „Neuen Heimat“ aufwuchs, stark stotterte als Kind und in der Schule nur in Sport und Deutsch gut war, gibt hier jenen eine Stimme, die in Kinderbüchern selten auftauchen: Kinder mit wenig Geld in Vierteln, die andere Problemzonen nennen. Er nennt sie „gute Orte“. Sein Ich-Erzähler ist ein schlechter Schüler, der das ganz nüchtern einräumt – und mit derselben Nüchternheit vom Eiswunder erzählt. Diese schlichte Sprache ist kein Zufall, sie ist Haltung. Eine Art Ehrenrettung, wie Gmehling selbst sagt.
Jens Rassmus fuhr eigens nach Kiel-Mettenhof, fotografierte Hochhäuser, Balkone, Plätze – und zeichnete dann mit Pinsel und schwarzer Tusche, die Farbe kam später am Computer dazu. Blautöne und Schwarz auf Weiß, oft seitengroß: Seine Bilder erzählen genauso viel wie der Text, manchmal mehr. An zwei Stellen überlässt der Text dem Bild ganz die Bühne – besonders die nächtliche Doppelseite, wenn das Eis bricht, bleibt hängen. Gmehling sagt, Rassmus‘ Zeichnungen hätten die Bilder, die er beim Schreiben im Kopf hatte, einfach überschrieben. „Es ist unser Buch. Nicht meins. Nicht seins. Unseres.“
Ich gebe zu: Ich hatte den See als Hauptfigur erwartet. Dabei sind es die vier Kinder. Als mir das klar wurde, war das Buch fast schon vorbei – und ich wusste nicht, ob ich es als berührend oder als zu ruhig empfinden sollte. Vielleicht beides.


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