6 Uhr 41

Jean-Philippe Blondel
6 Uhr 41
Aus dem Französischen von Anne Braun
Goldmann 2016
167 Seiten
ISBN 978-3-442-48374-7
Manchmal reicht eine Zugfahrt, um ein ganzes Leben durchzugehen – zumindest, wenn man die falsche Person neben sich sitzen hat. Cécile, 47, kommt gerädert vom Pflichtbesuch bei den Eltern und will einfach nur die 95 Minuten bis Paris in Ruhe überstehen. Dann sitzt plötzlich Philippe Leduc neben ihr. Vor dreißig Jahren waren die beiden ein Paar, bis ein gemeinsames Wochenende in London alles kippen ließ. Jetzt schweigen sie sich an, während in ihren Köpfen die komplette Beziehungsgeschichte samt nachträglicher Analyse abläuft.
Blondel erzählt das im Wechsel aus beiden Perspektiven, und genau das macht den Reiz aus: Man merkt, wie Beide sich gegenseitig Dinge unterstellen, die vielleicht stimmen, vielleicht auch nicht – klassisch menschlich eben: lieber grübeln als fragen. Besonders gut gelungen finde ich, wie er beim Zurückblenden in diese Zeit des Erwachsenwerden die typische Doppelgleisigkeit einfängt: dieses trotzige „Mir kann keiner was, ich weiß schon alles“ auf der einen Seite und die ständige Unsicherheit – was denken die anderen, bin ich gut genug? – auf der anderen.
Bei Philippe ist davon nichts geblieben: abgebrochenes Studium, trostloser Job im HiFi-Einzelhandel, geschieden, Bauchansatz – einer, an den man sich auf der Straße kaum erinnern würde. Bei Cécile dagegen der stete Aufstieg: erfolgreiche Unternehmerin, attraktiv, verheiratet, wenn auch nicht ganz glücklich. Nur dass ihre alte Unsicherheit nie wirklich verschwunden ist, sondern sich bloß eine neue Fassade gesucht hat: die coole, unangreifbare Geschäftsfrau, die selbst ihren eigenen Eltern nicht sagen kann, was sie wirklich von ihnen denkt.
Trotz der eher traurigen Grundstimmung hat das Ganze einen trockenen, fast komischen Unterton, auch weil man als Leserin die ganze Zeit denkt: Jetzt redet doch endlich miteinander!
167 Seiten, an einem Nachmittag gelesen – und noch tagelang im Kopf hängen geblieben.


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