Anna – Was die Zeit nicht heilt

Christina Laube & Mehrdad Zaeri
Anna – Was die Zeit nicht heilt
Fischer Sauerländer 2024
64 Seiten
ISBN 978-3-7373-7352-4
Diese kurze Graphic Novel erzählt eine wahre Geschichte – nicht chronologisch, sondern erinnernd. Sie beginnt in der Gegenwart: Eine alte Frau sitzt allein in ihrer Wohnung, nur die Katze leistet ihr Gesellschaft. Ein Fotoalbum wird aus dem Regal gezogen, aufgeschlagen, und mit ihm öffnet sich eine Vergangenheit, die nie abgeschlossen wurde.
Als Kind erlebt sie den Krieg aus nächster Nähe: den Vater, der eingezogen wird und verschwindet, die Bombardierung der Heimatstadt, die Flucht mit der Mutter aufs Land. Die Bilder zeigen keine Action, keine Schlachten – sondern Leere, Stillstand, das Danach. Häuser werden zu Umrissen, Landschaften zu Gedächtnisräumen.
Auf dem Bauernhof begegnet sie Anna, einer jungen ukrainischen Zwangsarbeiterin. Sie sprechen keine gemeinsame Sprache, aber sie finden einander trotzdem: im Blick, im Tanz, in kurzen Momenten von Nähe. Für einen Augenblick wirkt der Krieg weit weg. Bis er zurückkommt – nicht in der Nacht, sondern am helllichten Tag. Vögel am Himmel, die zu Flugzeugen werden. Anna bleibt stehen. Und stirbt.
Die Zeichnungen von Mehrdad Zaeri sind reduziert, erdig, beinahe zeitlos. Sie erklären nichts und drängen sich nicht auf. Vieles bleibt unausgesprochen – genau darin liegt ihre Kraft. Der wenige Text wirkt wie ein Flüstern zwischen den Bildern, die den eigentlichen Raum einnehmen. Erinnerung, Verlust und Schuld werden nicht illustriert, sondern getragen.
Am Ende kehren wir zur alten Frau zurück. Anna ist nicht vergessen. Und genau das ist der eigentliche Kern dieses Buches: Manche Wunden heilen nicht. Aber sie verlangen nach einem Umgang. Nach einer Handlung. Nach einem Entschluss.


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