Melken

Sanna Samuelsson
Melken
Aus dem Schwedischen von Stefan Pluschkat
Hanser 2026
157 Seiten
ISBN 978-3-446-28484-5
Sanna Samuelssons Debütroman verbindet Erinnerungen an eine Kindheit auf dem Bauernhof mit der stillen Gegenwart eines Ortes, der seine ursprüngliche Funktion verloren hat. Ellen, die Tochter eines Bauern, kehrt während der Ferien spontan auf den Hof zurück, auf dem sie aufgewachsen ist. Die neuen Besitzer sind verreist, der Schlüssel liegt noch immer unter dem Topf – und so betritt sie einen Ort, der gleichzeitig vertraut und fremd geworden ist.
Der Hof ist inzwischen zur eleganten Villa umgebaut: Die Weide ist leer, die Scheune verschlossen, und aus ehemaligen Stallmaterialien sind Designobjekte geworden. Ellen richtet sich in ihrem alten Kinderzimmer ein, trinkt den Kaffee der neuen Bewohner und bleibt länger, als geplant. Während sie durch Räume und Erinnerungen streift, tauchen Bilder ihrer Kindheit auf – von harter Arbeit, Nähe zu den Tieren und einem Leben, das untrennbar mit dem Hof verbunden war.
Der Roman erzählt von der Entfremdung zwischen Land und Stadt, Vergangenheit und Gegenwart. Ellen schämte sich früher für den Geruch von Mist in ihrer Kleidung und musste das Dorf einst mit ihren Eltern verlassen. Zwar brachte die Stadt ihr Freiheit, aber weder Ruhe noch Orientierung. Als sie zurückkehrt, stellt sich jedoch die Frage, ob es überhaupt noch etwas gibt, zu dem man wirklich zurückfinden kann.
Samuelsson beschreibt das Landleben ohne Nostalgie. Sie zeigt sowohl die harte Arbeit der Bauern als auch die ambivalenten Seiten der Tierhaltung. Immer wieder blitzen auch agrarpolitische Hintergründe auf, die zeigen, warum solche Höfe verschwinden. Gleichzeitig überrascht der Text mit ungewöhnlichen, manchmal bissig-humorvollen Bildern: Gedanken über Kühe, Menschen und sogar Darmflora werden zu eigenwilligen Vergleichen über Nähe, Prägung und Identität.
Am Ende wirkt Ellens Aufenthalt wie ein stiller Heilungsprozess – und wie ein verspäteter Abschied von einer Lebensform, die langsam verschwindet.


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