Verschlagwortet: Droemer

Wie schön das Leben sein könnte

Cover Sungs Laden von Karin Kalisa

Karin Kalisa
Sungs Laden
C.H. Beck 2015
256 Seiten
ISBN 978-3-406-68188-2

Es gibt Bücher, da möchte man am liebsten ewig weiterlesen und noch viel lieber selbst Teil dessen sein, von dem da erzählt wird. ‚Was man von hier aus sehen kann‘ von Mariana Leky gehört für mich beispielsweise in diese Kategorie und ‚Sungs Laden‘ reihe ich direkt daneben ein 😉

Sungs Laden im Prenzlauer Berg ist einer der vielen kleinen vietnamesischen Gemischtwarenläden, die man in jeder Straße findet. Doch als Sungs und Mâys Sohn Minh mit seiner Großmutter Hiền und deren fast 100 Jahre alter Puppe Thủy im Rahmen einer multikulturellen Schulveranstaltung ihr Herkunftsland Vietnam präsentieren, lösen sie damit eine Wandlung in den deutsch-vietnamesischen Beziehungen im Prenzlauer Berg aus, die ihren Ursprung in Sungs kleinem Laden hat. Und dabei bleibt es nicht: Die ganze Stimmung im Viertel ändert sich und verbreitet sich über den Ortsteil hinaus.

Karin Kulisa schreibt so überzeugend und derart bezaubernd über den großen Meister Zufall, dass man kaum glauben mag, dass ein nur kleiner Dreh in eine andere Richtung der ganzen Geschichte eine völlig andere Atmosphäre gegeben hätte. Alles entwickelt sich so selbstverständlich, dass man sich beim Lesen nur fragen kann, wieso das Leben nicht immer so ist. Aus murrenden Zeitgenossen werden freundliche Nachbarn; aus karrieregeilen arroganten Vorgesetzten sozial eingestellte Chefs; und Mancher entdeckt seine späte Berufung.

Das mag jetzt Alles schwer nach Kitsch und FriedeFreudeEierkuchen klingen, aber erstaunlicherweise wirkt die Geschichte an keiner Stelle überzuckert. Der Autorin gelingt das Kunststück, alles leicht und beschwingt klingen zu lassen, ohne jedoch die Mühsal des Lebens aus den Augen zu verlieren. Und so weiß man am Ende auch mehr über die jämmerlichen Lebensbedingungen der vietnamesischen GastarbeiterInnen in der DDR und deren jetziges, teils mühsames Leben in der BRD – und schlägt das Buch dennoch mit einem Lächeln zu. Vielleicht mit dem Vorsatz, künftig ein paar Dinge anders zu machen 😊

Hauptsache eklig

Cover Der Heimweg von Sebastian Fitzek

Sebastian Fitzek
Der Heimweg
Droemer 2020
393 Seiten
ISBN 978-3-426-28155-0

Eines vorweg: Ich mag abstruse Bücher (Dario Fo und Carolo Manzoni) und gewalttätige Szenen schrecken mich nicht ab (wie beispielsweise in ‚Der Minusmann‘) – also sollte ich von Sebastian Fitzeks neuestem Werk eigentlich recht angetan sein. Tja, dem ist leider nicht so, denn auf Etwas kann ich nicht verzichten: guten Schreibstil und (zumindest im Kontext der Geschichte) logische Geschehnisse. Insbesondere an Letzerem mangelt es enorm.

Bei einem Heimweg-Telefon, das Menschen, die sich insbesondere Nachts unsicher fühlen, telefonisch begleitet, meldet sich eine Frau, die so verzweifelt klingt, dass trotz ihrer verworrenen Geschichte der erfahrene Jules sofort weiß, dass hier tatsächlich extreme Gefahr droht. Denn neben einem gewalttätigen Ehemann wird sie von einem Serienkiller bedroht.

Eigentlich ist das mehr als ausreichend, um einen richtig spannenden Psychothriller zu schreiben, doch Sebastian Fitzek will mehr 😉 Er eilt von einer Gewaltorgie zur nächsten, wobei es sich hauptsächlich um Gewalt gegen Frauen in jeder denkbaren Form handelt, die er so detailliert beschreibt, dass sich die Phantasie meist getrost zur Ruhe begeben kann (was vielleicht auch besser ist). Das Ganze in einer Sprache, die selbst Jerry-Cotton-Heftchen als hohe Literatur erscheinen lassen

… mit einem geburtswehenähnlichen Schrei …

S. 279

Vor ihr stand ein Ungeheuer, ein Neutrum.

S. 129

Und dann die Unlogiken: Auf Seite 170 wird die Protagonistin

„… auf dieser unbefestigten Buckelpiste frontal überrollt …“,

was ihr außer großen Schmerzen aber sonst keinen Schaden zufügt. Auf Seite 175 ist dann auch klar warum: Es war ja nur ein Aufprall. Oder wie eine Frau in Todesangst von ihrem Peiniger erzählt:

So wie manche Fische in der Nacht vom Licht angezogen werden, hat mich dieses Lächeln verzaubert, das von den Mundwinkeln bis zu den tiefseedunklen Augen funkelte.“

S. 111

Oh Himmel hilf!

Auch wenn das ganze Buch voll ist mit hanebüchenen Wendungen – zwei Dinge muss man ihm zugute halten: Der eine Teil der Auflösung ist wirklich überraschend, der vermutlich völlig ausgereicht hätte, daraus ein wirklich gutes Buch zu machen. Und es ist trotz des teilweise hanebüchenen Unsinnes und der überwiegend schludrigen Sprache fast durchweg spannend. Nicht immer, denn auf Dauer werden selbst die entsetzlichsten Gewaltexzesse langweilig.

Was mich am Ende doch noch ein bisschen mit dem Buch versöhnt hat, ist erstaunlicherweise das Nachwort „Zu meinem Roman“ und insbesondere die Danksagung. Sebastian Fitzek beschreibt hier seine Motivation zur Thematik des Buches und bedankt sich vergleichsweise ausführlich bei verschiedenen Personen. Und das so amüsant und lesenswert, dass ich locker noch ein paar Seiten in der Art hätte lesen können.