Russische Spezialitäten

Dmitrij Kapitelman
Russische Spezialtäten
Hanser 2025
183 Seiten
ISBN 978-3-446-28247-6
Manche Bücher liest man wegen der Geschichte, andere wegen der Sprache. Und dann gibt es Bücher wie dieses, bei denen man sich am liebsten jeden zweiten Satz markieren möchte, weil der Autor mit Worten umgeht, dass es eine wahre Freude ist. Dmitrij Kapitelman beherrscht diese Kunst auf eine Weise, die mich schlicht begeistert. Er spielt mit der Sprache, verdreht sie, lässt sie überraschende Haken schlagen und findet Bilder, auf die ich selbst im Leben nicht gekommen wäre. Und das alles auf Deutsch, obwohl Russisch seine Muttersprache ist. Chapeau!
Dabei ist die Geschichte an sich gar nicht besonders kompliziert. Kapitelman erzählt von seiner Familie, insbesondere von seinen Eltern und dem Leipziger Geschäft für russische Spezialitäten, das sie gemeinsam aufgebaut haben. Er selbst wurde in Kyjiw geboren und kam als Achtjähriger mit seinen Eltern nach Deutschland. Der Vater ist Ukrainer und Jude, die Mutter stammt aus Moldawien. Im „Magasin“ verkaufen sie russische Lebensmittel und allerlei andere Dinge, die Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion ein Stück Heimat vermitteln. Der Autor beobachtet genau, erzählt mit viel Witz und lässt selbst die sprechenden Fische in der Frischetheke nicht einfach stumm herumliegen. Überhaupt scheint ihm kaum etwas zu banal, um daraus eine herrlich schräge Szene zu machen. Es wird eingekauft, ausgepackt, verkauft und geplaudert, Stammkunden gehen ein und aus, und irgendwie hält man zusammen.
Bis Russland die Ukraine überfällt.
Plötzlich ist die gemeinsame Herkunft kein verbindendes Element mehr, sondern ein Grund für heftige Auseinandersetzungen. Während Dmitrij um seine Geburtsstadt und seine Freunde in der Ukraine bangt, hält seine Mutter unbeirrt zu Putin und glaubt den Erzählungen des russischen Staatsfernsehens. Schuld an allem sind natürlich die Ukrainer. Dass ihr Sohn das anders sieht und sich mit dieser Sichtweise nicht abfinden kann, sorgt bei Familienbesuchen für reichlich Zündstoff. Ausgerechnet mit dem Menschen, den er liebt, kann er sich über etwas so Grundlegendes nicht mehr verständigen.
Dann reist er trotz des Krieges in die Ukraine, besucht seine Freunde und hofft, seiner Mutter irgendwie begreiflich machen zu können, was dort tatsächlich geschieht. Ob sich damit auch ihre Überzeugungen erschüttern lassen, ist eine andere Frage. Schließlich ist es offenbar leichter, sich von der Realität nicht beeindrucken zu lassen, wenn man sich seine eigene zurechtgelegt hat.
Was mich an diesem Buch besonders beeindruckt, ist der Umgang mit all dem Schweren. Kapitelman nimmt den Krieg, die politischen Lügen und die Entfremdung innerhalb seiner Familie keineswegs auf die leichte Schulter. Aber er verfällt auch nicht in einen dauerernsten Ton, bei dem man sich als Leserin irgendwann kaum noch zu atmen traut. Stattdessen entdeckt er immer wieder das Absurde, das Komische und manchmal geradezu Groteske im Tragischen. Man kann verzweifeln und trotzdem lachen. Vielleicht muss man es sogar.
Dazu kommt seine Liebe zur russischen Sprache, die sich nicht einfach von Putins Politik vereinnahmen lassen soll. Dass die Sprache, die ihm so viel bedeutet, gleichzeitig zum Schauplatz dieses Konflikts wird, macht seine Zerrissenheit besonders nachvollziehbar.
Ich kenne Kapitelman bereits aus seinen Artikeln in der ZEIT, und auch dort gefällt mir dieser Ton ausgesprochen gut. Mit „Russische Spezialitäten“ hat er mich nun endgültig für sich eingenommen. Die Geschichte ist bewegend, die familiären Konflikte sind bitter und die politische Lage alles andere als zum Lachen. Aber wie dieser Autor all das in Worte fasst, ist einfach großartig.
Kurzum: Ein ernstes Buch, das mich oft zum Lächeln gebracht hat – und ein Autor, von dem ich unbedingt mehr lesen möchte.


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