Emma und der traurige Hund

Sabine Rufener
Emma und der traurige Hund
kunstanstifter 2024
36 Seiten
ISBN 978-3-948743-35-2
Manche Bilderbücher trauen sich, an der Oberfläche zu kratzen. Dieses hier reißt den Boden auf. „Emma und der traurige Hund“ ist kein Buch über schlechte Laune – es ist eine radikal ehrliche Auseinandersetzung mit Depression und Lebensmüdigkeit auf Augenhöhe eines Kindes.
Man muss es klar benennen: Was der Hund hier durchlebt, ist keine bloße Melancholie mehr. Wenn eine Figur sagt, sie sei „zu müde fürs Leben“ und impliziert, lieber nicht mehr da sein zu wollen, dann verlässt das Buch den Pfad der sanften Traurigkeit. Der Hund steckt in einer tiefen Depression. Er ist groß, zottelig und wirkt durch seine gebeugte Haltung wie eine „existenzielle Krise auf vier Pfoten“. Der Regen, der ihn umgibt, ist kein Wetter – er ist die Manifestation einer inneren Ausweglosigkeit.
Inmitten dieser bleiernen Schwere wirkt Emma fast wie ein Fremdkörper. Sie ist mit ihrem gelben Regenschirm buchstäblich der einzige Farbakzent – Hoffnung als gelber Farbton. Die rohen, skizzenhaften Linien unterstreichen die Unsicherheit der Situation. Während Emma sich bewegt, manchmal fast schwebt, bleibt der Hund schwer und geerdet in seinem Schmerz. Das ist kein „niedliches“ Kinderbuchdesign, das ist poetische Kunst mit dem Mut zur Lücke.
Der Text ist von einer fast schon „frechen“ Reife. Emma begegnet dem Hund nicht mit naiver Fröhlichkeit, sondern stellt die „Warum“-Frage mit einem Ernst, der Kinder und Erwachsene gleichermaßen fordert. Die klassischen Angebote – Fußball, Eis, Ablenkung – prallen an der massiven Wand der Sinnlosigkeit ab.
Das Buch verzichtet auf die gefährliche Lüge des „Alles wird gut“. Es gibt keine schnelle Heilung, keine Pointe, die den Schmerz wegwischt. Stattdessen bietet es die wohl reinste Form der Empathie: „Ich verstehe dich zwar nicht, aber ich bleibe hier.“ Es stellt Beziehung gegen die Sinnlosigkeit.
Dieses Buch ist eine Provokation – im besten Sinne. Keine, die schockieren will – sondern eine, die bleibt.Es ist kein pädagogisches Heftchen, das Gefühle „erklärt“. Sondern ein philosophisches Werk für Menschen, die wissen, dass sich manche Dunkelheit nicht einfach wegtherapieren lässt.
Es ist ein Buch für Kinder, die tief graben, und für Erwachsene, die sich selbst in der schweren Gestalt des Hundes wiedererkennen. Es ist ein Plädoyer für das radikale Dasein: Wenn Gründe zum Leben fehlen, reicht es manchmal schon aus, im Regen nicht allein zu sein.
Dieses Buch ist nicht nur eine Vorlesegeschichte, sondern eine existenzielle Umarmung für alle, die schon einmal an der Sinnhaftigkeit des Lebens gezweifelt haben – egal, ob groß oder klein.


Neueste Kommentare