ë

ë
Jehona Kicaj
Wallstein 2025
170 Seiten
ISBN 978-3-8353-5946-9
Boah, das war eine ziemlich intensive Lektüre. Wer jetzt glaubt, es gehe um explizite Gewalt oder rohe Brutalität, liegt zwar nicht ganz falsch – aber eben auch nicht richtig, denn nichts davon wird ausgemalt oder in Szene gesetzt. Alles kommt beiläufig, fast nebensächlich, und gerade darin liegt die ungeheure Eindringlichkeit dieses Textes.
Beginnen wir mit dem Titel, denn er ist alles andere als zufällig gewählt. Das ë steht für einen Buchstaben, der im Albanischen eine wichtige Funktion hat, obwohl er meist gar nicht ausgesprochen wird. Im Deutschen wäre er am ehesten mit dem Schwa-Laut vergleichbar – jenem abgedunkelten „e“, das man am Ende von Wörtern wie „Karte“ oder „bitte“ hört. Im Albanischen verändert er die Betonung eines Wortes, ohne selbst hörbar zu sein. Ein Buchstabe, der wirkt, ohne sich zu zeigen – kaum ein treffenderes Bild für diesen Roman.
Die namenlose Erzählerin kam kurz vor Ausbruch des Kosovokrieges mit ihrer Familie nach Deutschland, in einen kleinen Ort. Als junges Kind hatte sie gelernt, dass es gefährlich sein kann, Albanisch zu sprechen – und so schwieg sie. In Deutschland musste sie die Sprache erst mühsam erlernen und schwieg auch hier oft. Man hielt sie für eine Jugoslawin, nahm selbstverständlich an, sie spreche Serbisch – was sie jedoch nicht versteht. Korrigiert hat sie die anderen nie, aus Scham. Sie beginnt ein Literaturstudium, beschäftigt sich intensiv mit Sprache – vielleicht gerade weil sie selbst so wenig Gebrauch davon macht. Und als junge Frau leidet sie bereits an den Folgen von Bruxismus, einem krankhaften Zähneknirschen, das die Substanz ihrer Zähne zerstört. Offensichtlich ein Körpersignal all jener Gefühle, Gedanken, Erinnerungen, die nun nach außen drängen wollen.
Die Besuche beim Zahnarzt, den sie wegen des Bruxismus aufsucht, bilden die lose Rahmenhandlung des Romans. Es ist aber keine chronologische Geschichte, die erzählt wird, sondern ein Gewebe aus kürzeren und längeren Erinnerungen, aus naher Gegenwart und weiter Vergangenheit. Es sind Berichte von Reisen in den Kosovo zu Verwandten – erst mit den Eltern, später als Studentin mit Kommilitonen – und von Erlebnissen mit Freundinnen in der Schulzeit wie im Studium. Und ganz beiläufig kommen dabei Themen auf, die sonst eher vermieden werden: die Ermordung von Menschen in nächster Nähe während des Krieges, der alltägliche Rassismus in Schule und Universität. Gerade durch diese Beiläufigkeit, die man fast schon überliest, wird überdeutlich, was die junge Frau alles mit sich selbst auszumachen versucht.
Der Roman steht verdientermaßen auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Jehona Kicaj, 1991 im Kosovo geboren und in Göttingen aufgewachsen, hat mit ihrem Debüt etwas geschafft, was nicht selbstverständlich ist: einen Text, der einen Krieg mitten in Europa aus dem kollektiven Vergessen holt, ohne dabei je laut oder anklägerisch zu werden. Ein sehr eindringliches Buch – leicht zu lesen, aber schwer zu verdauen.
Und noch etwas, was ich nicht übergehen kann und will: Auf Seite 144 findet sich ein Absatz, der nahezu wortgleich mit einem in einem Artikel übereinstimmt, der am 18. Februar 2022 auf Koha.net erschienen ist – einem der bedeutendsten albanischsprachigen Nachrichtenportale im Kosovo. Mag es auch nur ein einziger Absatz sein: Ich finde, er hätte als Quelle ausgewiesen werden müssen. Ob es im Rest des Buches weitere solche Stellen gibt, weiß ich nicht – ich hoffe nicht.


Neueste Kommentare