Der stille Freund

Ferdinand von Schirach
Der stille Freund
Luchterhand 2025
172 Seiten
ISBN 978-3-630-87812-6
In seinem Erzählband widmet sich Ferdinand von Schirach seinem Lieblingsthema: dem Menschen. Menschen, die real existiert haben – oder zumindest existiert haben könnten. Mal sind es Berühmtheiten wie der Tennisspieler Gottfried von Cramm, der Architekt Adolf Loos oder der Wiener Kulturphilosoph Egon Friedell. Mal sind es Unbekannte, deren außergewöhnliche Lebenswenden Schirach mit der gleichen Ernsthaftigkeit erzählt: ein hochintelligenter Farmer, ein gescheiterter Psychotherapeut oder ein musikalisches Genie. Genau das macht den Charme aus: Man weiß nie ganz sicher, wo die Realität endet und die Fiktion beginnt.
Und genau dieses „War das jetzt wahr oder nicht?“ hat bei mir den Spieltrieb geweckt. Bei den meisten Geschichten bin ich krachend gescheitert – Schirach lässt sich seine Quellen einfach nicht entlocken. Aber bei „Cicciata“ bin ich tatsächlich fündig geworden! Gelandet bin ich bei einem Beitrag in den „Wöchentlichen Anzeigen für das Fürstenthum Ratzeburg“ aus dem Jahr 1863. Es gibt von dieser alten Zeitung sogar ein digitales Archiv, durch das sich jeder durchklicken kann. Was für ein Fund! Man stelle sich vor: Schirach sitzt da und liest sich durch 160 Jahre alte mecklenburgische Lokalanzeigen, auf der Suche nach vergessenen Geschichten. Diese Recherchetiefe hat schon was Detektivisches – bei ihm UND bei mir, ehrlich gesagt 😄
Inhaltlich ist die Bandbreite enorm: Terrorpropaganda wird thematisiert, genau wie Goethe, und mehrmals tauchen Schriftsteller als Figuren auf. Die Schauplätze reichen von Berlin bis Kapstadt, Rom, Wien und an die Côte d’Azur. Schirach nimmt uns mit auf eine kleine Weltreise durch fremde Leben.
Auch wenn nicht jede der 14 Erzählungen gleich stark ist – manche Kritiker fanden einzelne Texte etwas zu verkopft –, überzeugt der Band als Ganzes. Er bietet die perfekte Mischung aus Unterhaltung und Wissen. Man lernt nebenbei eine Menge über Kunst, Geschichte und Psychologie. Dabei hat man das Gefühl, echten Menschen ganz nah zu kommen. Das ist eben typisch Schirach: lakonisch, präzise und mit einem Hang zur überraschenden Wendung am Ende.


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