Die Ausweichschule

Kaleb Erdmann
Die Ausweichschule
park X Ullstein 2025
299 Seiten
ISBN 978-3-98816-022-5
Am 26. April 2002 erschoss der 19-jährige Robert Steinhäuser am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt sechzehn Menschen, bevor er sich selbst richtete. Es war der erste Amoklauf dieser Dimension an einer deutschen Schule.
Kaleb Erdmann, Jahrgang 1991, war damals in der fünften Klasse und erlebte das Geschehen als Elfjähriger mit. Nach der Tat wurde der Schulbetrieb in einer anderen Schule im Süden Erfurts – der titelgebenden „Ausweichschule“ – wieder aufgenommen, damit der Tatort renoviert werden konnte.
Mehr als zwanzig Jahre später ruft ein Dramatiker beim Autor an. Er schreibt ein Theaterstück über den Amoklauf und möchte Erdmanns Erinnerungen hören. Dieser Anruf reißt alte Wunden auf. Er löst körperliche Reaktionen bis hin zu Panikattacken aus – und bringt Erdmann dazu, sich endlich selbst literarisch dem Thema zu nähern. In zwei Erzählsträngen, die zeitlich aufeinander zulaufen, schildert er einerseits die Gespräche mit dem Dramatiker und ihre Wirkung auf ihn. Andererseits beschreibt er seinen Besuch in Bamberg, wo das fertige Theaterstück aufgeführt wird – inklusive eines Besuchs bei einem alten Schulfreund, von dem er sich mehr Klarheit über die damalige Zeit erhofft.
Muss man dieses Buch lesen? Meine ehrliche Antwort: Nein. Obwohl – und das muss man klar sagen – Kaleb Erdmann wirklich schreiben kann. Er hat eine ausgeprägte Vorliebe fürs Detail, manchmal bis an die Grenze des Erträglichen. Beispiele gefällig? „…, während ich mit dem Nagelclipper winzige, halbmondförmige Papierstückchen aus meinem Notizbuch schneide.“ Oder: „Die M&Ms klackern in meiner Handfläche wie Murmeln. Ich esse ein braunes und ein orangenes.“ Gut geschrieben? Ja. Notwendig für den Inhalt? Nein.
Dabei stellt der Roman durchaus interessante Fragen. Wie voyeuristisch ist das Interesse des Publikums an der literarischen Aufarbeitung von Gewalttaten eigentlich? Und wie autokritisch darf und muss man als Autor damit umgehen? Das ist spannend. Aber unterm Strich bleibt das Buch vor allem eine Vergangenheitsbewältigung des Autors selbst – ein Kreisen um die eigene Person, das mir zu wenige wirklich erhellende Momente beschert hat.
Ein anderer Kritiker hat es treffend formuliert: Das Buch lese sich wie ein Kommissionsbericht, dem es nicht gelingt, wirklich Neues oder Eigenes hinzuzufügen. Vielleicht auch, weil der Autor zu viel Angst vor dem Vorwurf hatte, die Schicksale der Getöteten auszubeuten. Das trifft den Kern der Sache gut.
Falls beim nächsten Buch eine richtig gute Geschichte dazukommt, bin ich aber gerne wieder dabei. Das handwerkliche Rüstzeug ist jedenfalls vorhanden.
Und noch ein kleines Bonbon für alle Eisenbahnfans: Der Autor schreibt, der Regionalzug zwischen Bayreuth und Nürnberg trage den „Kosenamen“ Pendolino. Das ist natürlich kein Kosename – sondern schlicht der Markenname für Züge mit Neigetechnik.


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