Elektrizität und Himmelsfische

Andrej Bulbenko & Marta Kajdanowskaja
Elektrizität und Himmelsfische
Aus dem Russischen von Olga Radetzkaja und Henriette Reisner
dtv 2024
191 Seiten
ISBN 978-3-423-64119–7
Der Schriftsteller Andrej Bulbenko begegnet auf einem Rasthof nahe der Grenze der 14-jährigen Marzia, die dort mit ihrer Familie Zuflucht gefunden hat. Die beiden kommen ins Gespräch, und als die Familie schließlich weiterfährt, übergibt Marzia ihm einen Umschlag mit ihren Aufzeichnungen – mit der Bitte, diese erst zu lesen, wenn sie sich nach einer Woche nicht bei ihm gemeldet hat. Marzia meldet sich nicht. Und Bulbenko beginnt zu lesen.
Was er – und mit ihm die Lesenden – vorfindet, ist kein geordnetes Tagebuch, keine chronologische Geschichte. Es ist eine Aneinanderreihung von Erlebnissen, Gedanken, Bildern und Gefühlen: Marzia, ihre Eltern, die Großeltern und die kleine Schwester sitzen zu sechst in Opas hoffnungslos überfülltem Wagen und fahren Richtung Grenze. Der Auslöser war ein plötzlicher Raketenbeschuss, der ihr Leben von einem Moment auf den nächsten für immer veränderte.
Unterwegs erleben sie Gewalt, Not und Willkür, aber auch skurrile, fast unwirkliche Szenen: eine Hochzeit am Straßenrand, die Evakuierung eines Zoos. Wenn Marzia sich in Träumen verliert, kippt die Erzählung fast ins Surrealistische. Fiktive Ortsnamen verschleiern, ohne zu verbergen – es ist unmissverständlich klar, dass hier der Ukrainekrieg gemeint ist.
Das Herz des Buches schlägt in Marzias Stimme. Und diese Stimme ist ungewöhnlich – ungefiltert, roh, manchmal regelrecht rücksichtslos. Die Erschöpfung, die Enge, das Genervtsein: alles kommt ungekürzt raus. Die kleine Schwester, die Oma, die Eltern – alle nerven, alles nervt, und Marzia sagt das auch so:
„Das Aas. Man möchte schon ohne sie am liebsten krepieren, und dann reißt sie noch den Mund auf … Komm her, du Miststück, du freches Biest, komm und schau mir in die Augen …“
Wer erwartet, dass das eine jugendliche Übertreibung ist, die sich schnell abnutzt, liegt falsch. Diese Direktheit ist kein Stilmittel, das sich verbraucht – sie ist glaubwürdig, weil sie so echt klingt. Für Gleichaltrige dürfte dieser Ton sogar besonders vertraut sein; für ältere Lesende ist er vielleicht ungewohnt, aber nie unverständlich.
Und Marzia kann auch anders. Zwischen dem Frust blitzen Selbstironie und eine fast schon philosophische Nachdenklichkeit auf: Was würde von ihr übrig bleiben, wenn eine Rakete sie trifft? Was bleibt überhaupt vom Menschen?
Was dieses Buch so außergewöhnlich macht, ist nicht zuletzt das, was es weglässt. Es gibt keine expliziten Beschreibungen von Verletzten oder Toten, kein Gruselkabinett des Krieges. Und dennoch ist das Grauen auf jeder Seite spürbar – weil Marzia es spürbar macht, ohne es aussprechen zu müssen. Das Schreckliche schimmert durch die Ritzen einer jugendlichen, manchmal fast komischen Alltagsbeobachtung.
Genau das ist die eigentliche literarische Leistung dieses Buches. Der Humor ist kein Widerspruch zum Ernst des Themas – er ist das Werkzeug, mit dem der Ernst überhaupt erträglich und damit zugänglich wird. Wie die Süddeutsche Zeitung es treffend formulierte: Das Buch erzählt sehr humorvoll von schrecklichen Ereignissen, was ein guter Trick ist, um das Leid nahezubringen, ohne dass die Lektüre qualvoll wird.
Für die meisten Lesenden – auch für jugendliche – ist Krieg und Flucht, so wie Marzia sie erlebt, glücklicherweise nur schwer vorstellbar. Aber genau deshalb braucht es Bücher wie dieses: um das Unvorstellbare vorstellbar zu machen, ohne es zu verharmlosen.


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