Ich, die ich Männer nicht kannte

Jacqueline Harpman
Ich, die ich Männer nicht kannte
Aus dem Französischen von Luca Homburg
Klett-Cotta 2026
215 Seiten
ISBN 978-3-608-96670-1
Wow. Nach dieser Lektüre fühle ich mich regelrecht erschlagen. Und das Seltsame ist: Es passiert eigentlich nicht viel. Aber vielleicht ist genau das die größte Wucht dieses Buches.
Vierzig Frauen werden in einem Käfig ohne Tageslicht gefangen gehalten. Die Jüngste unter ihnen kennt kein anderes Leben – und aus ihrer Perspektive erleben wir alles. Niemand weiß, warum sie hier sind. Drei Wächter bewachen sie ununterbrochen, sprechen nie mit ihnen, lassen keine Nähe, keine Intimität zu. Die Toilette steht mitten im Raum, Wasser ist knapp, Kleidung kaum vorhanden. Berührungen sind verboten, ebenso wie laute Emotionen. Verstöße werden mit Peitschenhieben bestraft.
Dann, eines Tages, ein Alarm. Die Wächter fliehen. Die Schlüssel bleiben zurück. Die Frauen sind frei.
Doch die Freiheit, die sie erwartet, ist keine Erlösung, sondern nur eine andere Form der Gefangenschaft.
Während die älteren Frauen von Erinnerungen an ihr früheres Leben geprägt sind und unter dem Verlust leiden, steht die Erzählerin vor einer völlig anderen Herausforderung: Sie hat nichts verloren, denn sie hatte nie etwas. Für sie ist die Welt ein unbeschriebenes Blatt. Was für die anderen Verlust bedeutet, ist für sie Anfang. Was für die anderen Schmerz ist, ist für sie Neugier.
Diese Neugier wird zu ihrem eigentlichen Überlebenswerkzeug. Unermüdlich versucht sie zu verstehen. Sie beobachtet, misst, denkt nach. Mit Hilfe von Thea entwickelt sie eigene Systeme zur Zeit- und Entfernungsmessung – kleine, verzweifelte Versuche, Ordnung in eine Welt zu bringen, die keine Antworten mehr liefert.
Ihr Hunger nach Wissen ist grenzenlos, doch die Welt bleibt stumm.
Und genau darin liegt die eigentliche Kraft dieses Buches: Es verweigert Erklärungen. Man erfährt weder, warum die Frauen gefangen waren, noch, was geschehen ist. Keine Auflösung. Kein Trost. Nur Existenz.
So wird die Erzählerin zu einer Art philosophischem Urmenschen. Ohne gesellschaftliche Prägung, ohne kulturelle Orientierung, ohne Vergangenheit. Sie stellt die grundlegendsten Fragen: Was ist Zeit? Was ist Sinn? Was ist ein Mensch?
Unwillkürlich fühlt man sich an das Kaspar-Hauser-Phänomen erinnert – ein Bewusstsein, das sich selbst und die Welt erst erschaffen muss, ohne Anleitung, ohne Kontext.
Das Buch ist ruhig, fast emotionslos erzählt, und gerade deshalb so intensiv. Es zwingt einen, sich mit der vielleicht unbequemsten Frage überhaupt auseinanderzusetzen:
Was bleibt vom Menschen, wenn alles, was ihn definiert, verschwindet?
Eine beeindruckende, verstörende und tief nachwirkende Lektüre, die keine Antworten gibt – aber Fragen, die einen noch lange begleiten werden.


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