Trag das Feuer weiter

Leïla Slimani
Trag das Feuer weiter
Aus dem marokkanischen Französisch von Amelie Thoma
Luchterhand 2026
444 Seiten
ISBN 978-3-630-87648-1
Mit diesem dritten Teil endet Leïla Slimanis Familiensaga — und auch wer die ersten beiden Bände nicht kennt (so wie ich), wird von diesem Abschluss gefesselt sein.
Die Trilogie umspannt die Geschichte Marokkos von der Kolonialzeit der 1940er Jahre bis zur Globalisierung um 2004 — mit einem Prolog, der im Jahr 2021 beginnt. Im Mittelpunkt des dritten Teils steht die dritte Generation: Mia und Inès, die Enkelinnen der elsässischen Mathilde. Beide wachsen in der marokkanischen Elite in Rabat auf — französischsprachig, westlich geprägt, wie in einer Blase.
Mia ist in vielem das Alter Ego der Autorin, doch nicht in allem. Um gesellschaftliche Widersprüche rund um Sexualität und weibliche Freiheit zuzuspitzen, lässt Slimani ihre Protagonistin Frauen lieben — anders als sie selbst. Die Beziehung Mias zu ihrem Vater hingegen ist eng an Slimanis eigenes Leben angelehnt: ein einflussreicher Bankier, der durch eine Intrige alles verliert, ins Gefängnis kommt und schließlich an Krebs stirbt — ganz wie Othman Slimani, der erst acht Jahre nach seinem Tod rehabilitiert wurde.
Die Handlung setzt 2021 ein: Nach einer COVID-Infektion steckt Mia in Paris in einer Schreibkrise, leidet an Brainfog. Auf Rat ihres Arztes kehrt sie nach Marokko zurück, an den Ort ihrer Kindheit. Was folgt, ist ein Zeitsprung in die 1980er Jahre — Kindheit, Jugend, der Fall des Vaters. Die Großeltern werden alt; Großvater Amin verfällt in Demenz, sein Lebenswerk, eine blühende Farm, lässt sich nicht weitergeben.
Abwechselnd rücken die einzelnen Familienmitglieder in den Vordergrund. Man lernt sie mit ihren Stärken und Schwächen kennen, leidet, hofft und freut sich mit ihnen. Ganz nebenbei erfährt man viel über das Leben in Marokko, wo selbst die Elite in ständiger Furcht lebt, in diesem autoritären System in Ungnade zu fallen. Doch auch die Schönheit des Landes kommt nicht zu kurz — obwohl sie durch politische Misswirtschaft allzu oft ins Hintertreffen gerät.
Und selbst die Weltgeschichte findet ihren Platz: der 11. September, der Irakkrieg, die Fußball-WM 1998 — Ereignisse, die das Schicksal der Familie unmittelbar berühren.
Ein großartiges Familienepos vor dem Hintergrund dunkler Kapitel der Geschichte — nicht nur Marokkos. Unbedingt lesenswert, auch ohne Kenntnis der Vorgängerbände.


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