Verschlagwortet: Lebensgeschichte(n)

Unter Toten

Robert Seethaler
Das Feld
Hanser 2018
240 Seiten
ISBN 978-3-446-26038-2

Die Geschichten der Toten des Feldes, des Friedhofes des kleinen Städtchens, sind wie ein Palimpsest. Denn die neuen Toten werden auf den alten begraben (‚Man rutscht ab mit der Zeit‘, S. 99) und erzählen dann ihre Geschichten – und damit so ganz nebenbei auch die Geschichte ihrer Stadt. Sie handeln von den Dramen des Lebens wie auch vom kleinen Glück, das für den Einzelnen nicht selten das große ist. Liebe, Tod, Glück und Tragik liegen nah beieinander, nicht selten auch im selben Haus. Manche stellen sich ihren Lebenslügen, andere halten selbst im Tod noch daran fest – wie die Menschen eben sind. Schön ist die Verbundenheit einiger Figuren, die bei manchen enger (beispielsweise als Paar), bei anderen nur lose besteht. Auf diese Weise erlebt man beim Lesen immer wieder eine unterschiedliche Sicht auf dasselbe Geschehen, was immer wieder faszinierend ist.

Es ist ein Buch, das unglaublich die Phantasie anregt, denn Vieles wird nur angedeutet. Jedoch stets in einem Maße, das ausreicht, um eine Vorstellung zu vermitteln und schon beginnen die eigenen Gedanken eigene Wege zu gehen. Der Postbote – welches Drama spielt sich bei ihm daheim ab? Mit wem sitzt die Witwe auf der Terrasse? Was war Buxters letzte Tat? Es gibt mehr Fragen als Antworten, aber das macht auch den Reiz dieses Buches aus.

Doch mit einer Sache haderte ich: Der Tonfall war für alle Toten annähernd gleich. Ob ein Kind oder eine alte Frau erzählen – die Unterschiede sind marginal und fallen kaum ins Gewicht. So wird es schwer, die einzelnen Stimmen als Person im Gedächtnis zu behalten, es sind die Geschichten, die sich einem einprägen müssen.
Dennoch eine schöne Lektüre mit viel Raum für die eigene Phantasie.

Wie schön das Leben sein könnte

Cover Sungs Laden von Karin Kalisa

Karin Kalisa
Sungs Laden
C.H. Beck 2015
256 Seiten
ISBN 978-3-406-68188-2

Es gibt Bücher, da möchte man am liebsten ewig weiterlesen und noch viel lieber selbst Teil dessen sein, von dem da erzählt wird. ‚Was man von hier aus sehen kann‘ von Mariana Leky gehört für mich beispielsweise in diese Kategorie und ‚Sungs Laden‘ reihe ich direkt daneben ein 😉

Sungs Laden im Prenzlauer Berg ist einer der vielen kleinen vietnamesischen Gemischtwarenläden, die man in jeder Straße findet. Doch als Sungs und Mâys Sohn Minh mit seiner Großmutter Hiền und deren fast 100 Jahre alter Puppe Thủy im Rahmen einer multikulturellen Schulveranstaltung ihr Herkunftsland Vietnam präsentieren, lösen sie damit eine Wandlung in den deutsch-vietnamesischen Beziehungen im Prenzlauer Berg aus, die ihren Ursprung in Sungs kleinem Laden hat. Und dabei bleibt es nicht: Die ganze Stimmung im Viertel ändert sich und verbreitet sich über den Ortsteil hinaus.

Karin Kulisa schreibt so überzeugend und derart bezaubernd über den großen Meister Zufall, dass man kaum glauben mag, dass ein nur kleiner Dreh in eine andere Richtung der ganzen Geschichte eine völlig andere Atmosphäre gegeben hätte. Alles entwickelt sich so selbstverständlich, dass man sich beim Lesen nur fragen kann, wieso das Leben nicht immer so ist. Aus murrenden Zeitgenossen werden freundliche Nachbarn; aus karrieregeilen arroganten Vorgesetzten sozial eingestellte Chefs; und Mancher entdeckt seine späte Berufung.

Das mag jetzt Alles schwer nach Kitsch und FriedeFreudeEierkuchen klingen, aber erstaunlicherweise wirkt die Geschichte an keiner Stelle überzuckert. Der Autorin gelingt das Kunststück, alles leicht und beschwingt klingen zu lassen, ohne jedoch die Mühsal des Lebens aus den Augen zu verlieren. Und so weiß man am Ende auch mehr über die jämmerlichen Lebensbedingungen der vietnamesischen GastarbeiterInnen in der DDR und deren jetziges, teils mühsames Leben in der BRD – und schlägt das Buch dennoch mit einem Lächeln zu. Vielleicht mit dem Vorsatz, künftig ein paar Dinge anders zu machen 😊

Interessante Sätze, aber wenig inspirierende Geschichte

Cover 1000 Serpentinen Angst von Olivia Wenzel

Olivia Wenzel
1000 serpentinen angst
S. Fischer 2020
349 Seiten
ISBN 978-3-10-397406-5

Die Jury des diesjährigen Deutschen Buchpreises scheint eine Vorliebe für Häppchenliteratur zu haben – zumindest ist es nach ‚Aus der Zuckerfabrik‘ bereits das zweite Buch, das keine fortlaufende Geschichte erzählt, sondern aus eher kurzen Sequenzen zusammengesetzt ist. Tja, und ich muss feststellen: Meins ist das nicht.

Eine junge schwarze Frau, geboren und aufgewachsen in der DDR, erzählt – obwohl, nein, das stimmt nicht, sie erzählt nicht, sie antwortet. Es sind Dialoge, in denen die junge Frau von einer meist unbestimmten Person zu bestimmten Ereignissen usw. befragt wird, die sie dann mehr oder weniger ausführlich beantwortet. Es geht um Alltagserfahrungen aus der Kindheit wie aus ihrem Erwachsenenleben; der Enge und die fehlende Freiheit in der DDR; der alltägliche Rassismus in Ost und West; in den USA plötzlich das Gefühl zu haben, Teil einer Gemeinschaft zu sein; um Liebe, Einsamkeit und Familie.

Doch es kommt kein richtiger Lesefluss auf, obwohl es richtige gute Stellen in diesem Buch gibt, die beispielsweise deutlich machen, was es bedeutet, als BürgerIn eines Landes in der Minderheit zu sein:

Was soll mir meine weiße Großmutter antworten auf die Frage, …, was es bedeutet, keinen Ort zu kennen, an dem man selbst die Norm ist?

S. 82

Aber dieses dauernde Frage-Antwort-Spiel, das von Ort zu Ort und Zeit zu Zeit springt, empfand ich irgendwann einfach nervig und ertappte mich dabei, dass ich anfing diagonal zu lesen. Kein gutes Zeichen.
Dazu surrealistisch anmutende Szenen, in denen ein Snackautomat eine wichtige Rolle spielt – ach ne, das ist mir doch zu viel des Guten. Aber vielleicht bin ich auch einfach nur altmodisch.

Deutscher Buchpreis Longlist 2020

Ein Haus das Leben verändert

Cover Das Gartenzimmer von Andreas Schäfer

Andreas Schäfer
Das Gartenzimmer
DuMont 2020
337 Seiten
ISBN 978-3-8321-8390-5

Adam Rosen und seine Frau Elsa lassen sich 1909 von dem jungen, später sehr erfolgreichen und berühmten Architekten Max Taubert ein Haus entwerfen und bauen. Die schöne Dahlemer Villa wird schnell zu einen bekannten Treffpunkt der kulturell gebildeten Oberschicht. Jahrzehnte später, Mitte der 90er, erwirbt das Ehepaar Lekebusch das mittlerweile seit langem leerstehende Gebäude und lässt es aufwändig restaurieren. Besonders Hannah Lekebusch ist derart fasziniert von der Vergangenheit des Hauses, dass sie einen Pilgerort für Taubert-Fans erschafft – sehr zum Leidwesen ihres Mannes und Sohnes.

Andreas Schäfer erzählt abwechselnd vom Leben der BewohnerInnen und den Gästen des Hauses, mit dem jede und jeder Einzelne auf ganz eigene Art und Weise verbunden ist. Während das Ehepaar Rosen die Villa vorbehaltlos liebt, trifft es bei Lekebuschs nur bei Hannah auf bedingungslose Hingabe. Alles ordnet sie dem Ziel der originalgetreuen Wiederherstellung unter, während ihrem Sohn Luis die Villa Rosen eher Unbehagen vermittelt und Ehemann Frieder die Beinahe-Obsession seiner Gattin gehörig auf die Nerven geht. Die Kapitel wechseln zwischen den Zeiten zu Beginn und Ende des 20. Jahrhunderts, was jedoch nicht zu Verwirrung führt, da die vergangenen Ereignisse immer wieder in Verbindung mit dem gegenwärtigen Geschehen stehen und damit Erklärungen liefern. So begleitet man nicht nur die Figuren durch die Geschichte, sondern auch das Haus, das durch die detaillierte Beschreibung des Autors fast schon eine eigenständige Persönlichkeit entwickelt.

Doch diese Liebe zum Detail könnte für manch architektonisch und an Design nicht so Interessierte ein Manko darstellen, vielleicht weil manche Ausführungen schon fast an ein Sachbuch erinnern.

Die quadratischen Fassaden mit den Fensterflächen wiesen weder Sockel noch Dachgesimse auf, nicht mal Fensterkreuze. Der einzige Schmuck, …, bestand aus vier Backsteinstufen hinauf zur Eingangstür, breit und weit vorkragend.

S. 125/126

Dennoch lohnt sich die Lektüre, denn Andreas Schäfers Sprache ist so ausdrucksvoll und bilderreich, dass man die Personen tatsächlich zu kennen glaubt und sich nichts lieber wünschen würde, als selbst dieses Haus zu besuchen – mir ging es zumindest so 😉

Übrigens: Das Haus gibt es so oder zumindest sehr ähnlich. Es handelt sich offenbar um das erste Auftragswerk des damals 21-jährigen Mies van der Rohe – das Haus Riehl in Babelsberg des Philosophen Alois Riehl. Vielleicht fahre ich ja mal hin …

Schicksale, die man im Gedächtnis behält

Cover Ich bin ein Schicksal von Rachel Kushner

Rachel Kushner
Ich bin ein Schicksal
Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell
Rowohlt 2019
393 Seiten
ISBN 978-3-498-03580-8

Romy Hall ist zu einer zweimal lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt worden ohne Aussicht auf eine frühzeitige Entlassung, weil sie ihren Stalker umgebracht hat. Mildernde Umstände waren, wie bei ihren Mitgefangenen, nicht zu erkennen und so muss sie für lange Zeit ihren kleinen Sohn bei ihrer Mutter zurücklassen. Romy ist die Ich-Erzählerin dieses Buches, die nicht nur von ihrem Leben im Gefängnis berichtet, sondern auch von ihrem Leben davor: jede Menge Gründe wie es dazu kam, dass sie jetzt inhaftiert ist.

Wer befürchtet, hier eine mitleidsheischende Gefangenenbiographie aufgetischt zu bekommen, kann beruhigt sein, denn die Hauptfigur erzählt fast schon gefühllos von ihrer Kindheit und Jugend und ihrem kurzen Leben als Erwachsene in Freiheit. Es ist eine wohl typische Geschichte vom Aufwachsen in prekären Verhältnissen, aus denen es praktisch kein Entkommen gibt. Als 11jährige missbraucht, für die Eltern nur eine Last, ist es für die junge gutaussehende Romy nach der Schule nur ein kurzer Weg zum Job als Striptease-Tänzerin im Mars Room, wo sie ihrem zukünftigen Opfer begegnet. Wobei nicht so eindeutig ist, wer nun tatsächlich das Opfer ist. Auch ihre Mitgefangenen haben ähnliche Lebenswege hinter sich: ärmliche Verhältnisse, vernachlässigt, Missbrauch, Drogen – der Weg ins Gefängnis für Frauen aus dieser Schicht scheint vorgegeben.

Das Gefängnis selbst ist eine reine Verwahranstalt, in der die Frauen unter demütigenden Bedingungen ihre Zeit absitzen müssen. Interesse, diesen Menschen die Möglichkeit zu geben, sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern, hat niemand. Für fast alle Wärterinnen und Wärter sind sie Abschaum, der es nicht anders verdient hat und werden entsprechend be- und auch misshandelt – der Gedanke einer Resozialisierung könnte hier nicht weiter entfernt sein.

Angesichts der beschriebenen Zustände, die wohl nicht allzu weit von der Normalität abweichen, ist das Buch harter Stoff. Romy erzählt ihre Geschichte meist neutral, als ob Alles was ihr geschehen ist, völlig normal wäre, so wie auch einige Andere. Alle eint, dass sie schon immer zum Bodensatz der Gesellschaft gehörten und so manche Frau fühlt sich nun im Gefängnis sicherer als in Freiheit.

Was für eine Gesellschaft, was für ein Land, in dem solche Ungerechtigkeit, Härte und Gnadenlosigkeit zum Alltäglichen gehört.

Was für ein Leben!

Cover Der grüne Fürst von Heinz Ohff

Heinz Ohff
Der grüne Fürst
Piper Verlag 1993
314 Seiten
ISBN 978-3-492-21751-4

Etwas älteren EisesserInnen dürfte die Bezeichnung ‚Fürst-Pückler-Eis‘ durchaus noch geläufig sein – aber wissen sie auch, wer der Namensgeber war? Ein Abkömmling des Hochadels, geboren 1785, Sympathisant der Revolution, Schriftsteller, Reisender, Landschaftsgartengestalter, Dandy, Abenteurer und ein Liebhaber der Frauen – aller Frauen. Casanova dürfte neidisch werden, wenn man ihm von Hermann Pückler-Muskaus Eroberungen berichten würde. Doch dies ist nur ein Aspekt seiner Persönlichkeit, wenn auch kein unwesentlicher.

Heinz Ohff schildert diesen faszinierenden Menschen in derart schillernden Farben und Formen, dass man wie gebannt diesen Lebenslauf verfolgt. Er lässt ihn ebenso durch seine Schriften selbst zu Wort kommen, so dass man sich einen Eindruck von seinen literarischen Fähigkeiten machen kann. Pückler formuliert spitz, mit Witz und Spöttelei, aber spart auch nicht mit Selbstironie, was ihn überaus sympathisch wirken lässt. Auch Zeitgenossinnen und Zeitgenossen kommen zu Wort und so formt sich nach und nach das Bild eines Menschen, der hochintelligent und seiner Zeit weit voraus war.

Eine fesselnde, ausgezeichnet geschriebene Biographie, mit der man nicht nur den Menschen Hermann Pückler-Muskau kennenlernt, sondern zudem viel über die Welt am Anfang und in der Mitte des 19. Jahrhunderts erfährt.

Auf der Suche nach dem besseren Leben

Cover Die verschwindende Hälfte von Brit Bennett

Brit Bennett
Die verschwindende Hälfte
Aus dem Englischen von Isabel Bogdan und Robin Detje
Rowohlt 2020
415 Seiten
ISBN 978-3-498-00159-9

Passing ist ein Phänomen, dass es bereits länger gibt, in Europa aber eher unbekannt ist, obwohl es auch hier existiert. Dabei wird die soziale Identität eines Menschen (Geschlecht, Klasse, Ethnie usw.) von seiner Umwelt nicht erkannt, so dass die damit verbundenen Erwartungen, Rechte und Pflichten nicht existieren. Wie beispielsweise in Deutschland die Juden während des Dritten Reiches, die ihr Jüdischsein verheimlichten, um so der Verfolgung zu entgehen. Heute ist es insbesondere in den USA Thema, wobei Schwarze mit sehr heller Haut für Weiße gehalten und entsprechend behandelt werden, wovon dieses Buch unter anderem auch erzählt.

1938 werden die Zwillinge Desiree und Stella in dem kleinen Nest Mallard im Süden der USA geboren, dessen BewohnerInnen es sich zum Ziel setzen, mit jeder Generation hellhäutiger zu werden. Mit 16 Jahren brennen die Beiden durch und gehen nach New Orleans, wo sich ihre Wege trennen.

„… Desiree heiratete den dunkelsten Mann den sie finden konnte.“

und bekommt eine Tochter,

„… so schwarz, schwärzer geht’s nicht.“

Stella hingegen

„… wurde zur weißen Stella.“,

was sie jedoch nur sein konnte,

„…, wenn Desiree nicht dabei war.“

Sie heiratet einen vermögenden weißen Mann aus dem Geldadel und bekommt eine blonde Tochter.

Die Lebenswege der beiden Frauen entwickeln sich so weit auseinander, dass sie sich nie wieder gesehen hätten, wären ihre Töchter sich nicht begegnet. Denn Desiree kehrt mit ihrer Tochter Jude nach Mallard zurück, während Stella ihr Leben als Weiße in der High Society in Los Angeles führt.

Brit Bennett, die Autorin, zeigt in diesem Buch überdeutlich, wie groß die Unterschiede der Möglichkeiten sind, die je nach Hautfarbe zur Wahl stehen. Während Stella praktisch alles werden kann, bleibt für Desiree letzten Endes der Job in der Kneipe. Aber das Leben auf einer Lüge aufzubauen, hat ebenfalls seinen Preis.

Überzeugend stellt Bennett dar, wie Stella aus Angst, enttarnt zu werden, am heftigsten gegen die ersten schwarzen Nachbarn protestiert. Und wie sie ständig in der Furcht lebt, als das erkannt zu werden, was sie ist: schwarz.

Auch gut gefallen hat mir, wie Bennett die Charaktere der Töchter in Teilen fast spiegelbildlich zu denen ihrer Mütter entwirft. Desirees Tochter Jude hat mehr Ähnlichkeit mit Stella, während Stellas Tochter Kennedy viele Wesenszüge ihrer Tante aufweist. Doch Beide tragen ganz klar das Erbe ihrer Mütter in sich, während die Väter kaum eine Rolle spielen.

Wirklich lesenswert!

Nicht nur eine Lebensgeschichte

Cover Lieber wütend als traurig von Alois Prinz

Alois Prinz
Lieber wütend als traurig
Hörcompany 2005
6 Stunden und 20 Minuten
ISBN 978-3-9350367-3-3

Jede/r die/der sich für die Geschichte und Politik der BRD interessiert, wird früher oder später zwangsläufig auf den Namen Ulrike Meinhof stoßen. Sie war eines der führenden Mitglieder der Rote-Armee-Fraktion (RAF) und Hass und Gewalt gegen den Staat und dessen VertreterInnen waren für sie alternativlos. Doch dies war nicht immer so: Als Studentin und auch in den ersten Jahren als erfolgreiche Journalistin war die Christin eine überzeugte Friedensfreundin. Doch die Feststellung, dass sie offenbar mit ihren Worten deutlich weniger zu erreichen schien als andere Systemkritische mit diversen illegalen Aktionen, ließ sie immer mehr an ihrer Haltung zweifeln.

Diese Entwicklung, hin zu einer christlichen Pazifistin und weiter zu einer der am meist gesuchtesten Terroristinnen der BRD, zeichnet Alois Prinz ausführlich ab der Zeit ihrer Kindheit nach, während er parallel dazu ebenso ein originalgetreues Bild der jeweiligen Gesellschaft der BRD liefert. Keine Frage, diese damaligen Verhältnisse mussten jedem demokratie- und gerechtigkeitsliebendem Menschen übel aufstoßen, sodass es gerade auch für besonders empfindsame Menschen nur noch ein kleiner Schritt in die Radikalität war. Wie diese jedoch den Schmerz und das Leid der von dieser Radikalität Betroffenen so vollständig ausblenden konnten, ist eine Frage, die noch immer viele der Freunde von Ulrike Meinhof (und vermutlich auch anderen) umtreibt. Auch der Autor hat dafür nur Vermutungen und so bleibt einem beim Hören nichts Anderes übrig, als sich seine eigenen Gedanken zu machen.

Eine tolle Biographie, die durch Axel Milberg als Vorleser und Eva Mattes als Ulrike Meinhof (mit kleinen Texten von ihr) kongenial ergänzt wird.

Mehr Wut als Trauer

Cover Blaue Stunden von Joan Didion

Joan Didion
Blaue Stunden
Aus dem Amerikanischen von Antje Rávik Strubel
List 2013
208 Seiten
ISBN 978-3-548-61153-2

Joan Didions geliebter Ehemann verstarb 2003 völlig überraschend und keine zwei Jahre später musste sie ihre Adoptivtochter Quintana Roo mit nur 39 Jahren zu Grabe tragen. In ‚Blaue Stunden‘ erzählt sie von der Zeit danach, von den Fragen die sie sich stellte, den Gedanken, aber auch von den Erinnerungen an ihre Tochter. Doch es ist nicht nur der Schmerz über den erlittenen Verlust über den sie berichtet, sondern auch die Feststellung, dass sie nicht nur älter, sondern alt wird.

Alt werden und sterben – die Meisten schweigen lieber über diese Themen, obwohl sie zu den wenigen Dingen im Leben gehören, die zweifelsfrei eintreffen werden. Wäre es also nicht sinnvoll, sich schon frühzeitig damit auseinanderzusetzen, um möglichst gut damit klar zu kommen, wenn der Fall eintritt? Joan Didion hat sich bereits mit dem Tod ihres Mannes literarisch auseinandergesetzt und nun ist es der Tod ihrer Tochter und ihr eigenes Altwerden. Doch statt, wie zumindest von mir erwartet, ein besonnenes und vielleicht schmerzerfülltes Ringen um Worte fand ich eine beinahe wütende und verletzte Autorin jener Zeit vor, die mit sich und dem Lauf der Dinge hadert.

Natürlich hadert man mit dem Tod des eigenen Kindes, keine Frage! Aber warum mit dem eigenen Altwerden? Ja, die Kräfte lassen nach, Krankheiten nehmen zu und der Tod ist keine ferne Erscheinung mehr. Es ist der Lauf der Dinge, der nicht zu ändern ist. Doch es scheint für eine erfolgreiche, schöne Frau wie Joan Didion schwer zu akzeptieren zu sein, dass auch sie nicht von diesem Prozess verschont bleibt.

Eigentlich habe ich mein ganzes Leben bis heute nicht ernsthaft daran geglaubt, dass ich alt werden würde.

Blaue Stunden, S. 152

Ich will den Notfall noch nicht einmal in Erwägung ziehen. Notfall, glaube ich noch immer, ist das, was jemand anderem passiert.

Blaue Stunden, S. 205

Weil mich Manches in diesem Buch gestört hat (dieses ständige Namedropping beispielsweise), habe ich noch ein paar weitere Artikel über Joan Didion und ihre Familie gelesen. Fakt ist, sie hat bis zum Tod ihres Mannes ein bemerkenswert privilegiertes Leben ohne größere Dramen geführt, was sie auch offen anspricht. Doch trotz dieses Bewusstseins scheint sie jeden Schicksalsschlag als persönliche Kränkung zu empfinden. Kaum eine Spur von Dankbarkeit für das, was ihr bisher vergönnt war – was wohl mehr war und auch noch ist, als die meisten Menschen je erreichen können. Auch ihr selbstkritisches Denken über die Zeit mit ihrer Tochter Quintana Roo hinterlässt einen faden Nachgeschmack: Offensichtlich war diese seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten schwer alkoholkrank, was letztendlich zum Tod führte. Doch darüber verliert Joan Didion kaum ein Wort, statt dessen gibt es beschönigende Worte zum vielleicht allzu lockeren Umgang mit Alkohol.

Alkohol mag als Medizin gegen Deprimiertheit seine Mängel haben, aber niemand hat je auch nur angedeutet – fragen Sie jeden Arzt -, dass er nicht das wirksamste bekannte Mittel gegen Beunruhigung ist.

Blaue Stunden, S. 56

Es ist mein erstes Buch von dieser Autorin gewesen und leider habe ich keinen allzu guten Eindruck von ihr. Ja, sie hat einen besonderen, eigenwilligen Schreibstil mit bemerkenswert guten Gedanken, aber als Persönlichkeit wirkt sie auf mich recht selbstherrlich und ohne jede Spur von Demut. Schade für sie, denn vermutlich werden ihre letzten Jahre so keine guten werden.

Was wirklich zählt

Cover Kostbare Tage von Kent Haruf

Kent Haruf
Kostbare Tage
Aus dem Amerikanischen von pociao und Roberto de Hollanda
Diogenes 2020
345 Seiten
ISBN 978-3-257-07125-2

Es ist Sommer in Holt, einer Kleinstadt in Colorado. Und es wird der letzte Sommer sein für Dad Lewis, der sein ganzes Leben dort verbrachte. Dad hat Krebs und ihm bleibt noch ein Monat, vielleicht etwas länger.

Von dieser Zeit erzählt ‚Kostbare Tage‘ und trotz dieses eigentlich trostlosen Themas ist es nie hoffnungslos, kitschig oder schwülstig. Man lernt nicht nur Dad und seine Familie kennen: seine ihn voller Hingabe pflegende Frau Mary, die auch er noch immer von ganzem Herzen liebt; ihre Tochter Lorraine, die ihren Eltern zur Seite steht; und ihren Sohn Frank, von dem sie schon Jahre nichts mehr gehört haben. Da gibt es noch die Johnsons, Mutter und Tochter, die gegen die Einsamkeit kämpfen; den neuen Reverend Lyle, der nicht nur mit der Gemeinde, sondern auch seiner Familie Schwierigkeiten hat; seinen Sohn John, der eine erste Liebe der besonderen Art erlebt; und Berta, die Nachbarin, mit ihrer kleinen Enkelin Alice, die für Alle eine Hoffnung darstellt.

Für Alle ist dieser Sommer eine besondere Zeit, denn es gibt eine Menge Abschiede. Kent Haruf erzählt davon in einem ruhigen und fast schon sachlichem Ton, der zwar eine melancholische Stimmung entstehen lässt, aber auch nicht mehr. Er ist ein aufmerksamer Beobachter, jede Kleinigkeit ist es wert, festgehalten zu werden, doch stets nur beschreibend, nie wertend. So genau sind seine Darstellungen, dass man die Kleinstadt und ihre Menschen bald deutlich vor Augen hat und ihre Ängste, Gedanken und Sorgen mitfühlen kann. Und merkwürdigerweise wird es nicht langweilig, obwohl nichts wirklich Aufregendes geschieht. Ein bisschen ist es, als ob man Menschen, die man mag, ein Stück in ihrem Leben begleitet. Nicht mehr – und nicht weniger 😊

Wenn trotz Liebe die Risse größer werden

Cover Kintsugi von Miku Sophie Kühmel

Miku Sophie Kühmel
Kintsugi
S. Fischer 2019

293 Seiten
ISBN 978-3-10-397459-1

Vier Menschen lernt man mit diesem Buch kennen: das schwule ‚Traumpaar‘ Max und Reik sowie Reiks Jugendliebe Tonio und dessen Tochter Pega. Seit der Geburt Pegas bilden die Vier eine Art Familie und Max‘ und Reiks 20jähriges Paarjubiläum wollen sie zusammen feiern im gemeinsam genutzten Ferienhaus in der Uckermark. Eine solche Konstellation provoziert eine Krise ja buchstäblich und es kommt wie es scheinbar kommen muss: Harmonie ist an diesem Wochenende nicht angesagt.

Doch im Vergleich zu anderen konfliktreichen Wochenend-Paar-Geschichten geht es hier recht harmonisch zu. Jede der Personen erzählt ihr Leben aus der Ich-Perspektive, so dass schnell deutlich wird, dass Vieles zwischen den Einzelnen ungesagt ist, trotz der engen Verbundenheit zueinander. Defizite, Ängste, aber auch positive Gefühle bleiben häufig unausgesprochen und so bahnen sie sich nun ihren Weg. Doch da sich die Vier trotz vielem Ungesagtem sehr zugetan sind, kommt es nicht zum grossen Knall.

Das Wochenende bleibt somit weitestgehend ereignislos und dient letztlich nur als Klammer, die durch kurze, wörtliche Reden beim Abendessen und Frühstück die Lebensgeschichten zusammenhält. Der Großteil des Buches handelt von der Vergangenheit und den Gedanken der Erzählenden, was zwar gut zu lesen, jedoch nur mäßig spannend ist.
Die Autorin ist eine gute Beobachterin und hat einen Sinn für Details, die sie nuanciert beschreibt. Aber wie die meisten vor mir Lesenden finde ich, dass es ihr nicht gelingt, den jeweiligen Erzählenden einen eigenen Tonfall zu verleihen. Die zwanzigjährige Pega und ihr Vater sind so wenig voneinander zu unterscheiden wie der akkurate Max und der flippige Reik. Ich glaube, Frau Kühmel, da geht noch mehr.

Deutscher Buchpreis Shortlist 2019

Ein melancholischer Blick zurück aufs Leben

Cover Der letzte Satz von Robert Seethaler

Robert Seethaler
Der letzte Satz
Hanser 2020
128 Seiten
ISBN 978-3-446-26788-6

Wie mag es sein, wenn einem der eigene Tod immer näher rückt? Es einem bewusst wird, dass die verbleibende Zeit auf Erden sehr überschaubar ist? Davon schreibt Robert Seethaler in diesem Buch, in dem wir den berühmten Komponisten und Dirigenten Gustav Mahler auf seiner letzten Seereise begleiten.

Auf seinem Weg von New York zurück nach Europa verbringt der bereits schwer kranke Mann seine Tage meist an Deck, wo er sich vergangener Zeiten erinnert. Wie er seine geliebte Frau Alma kennenlernte, der Verlust seiner erstgeborenen Tochter Marie, der Erfolg der 8. Symphonie, seine Zeit in Wien undundund. Es sind kurze Ausschnitte eines erfolgreichen Lebens, das nicht frei von Kämpfen und auch Niederlagen war. Gustav Mahler, der gerade einmal 50 Jahre wurde, liebt das Leben und hadert doch mit ihm. Viel zu früh geht es zu Ende, denn wie gerne würde er seine Tochter Anna aufwachsen sehen, mehr Zeit mit seiner Frau verbringen, Vergangenes wieder gut machen.

Obwohl die Hauptfigur seinerzeit ein erfolgreicher Komponist und international gefeierter Dirigent war, geht es nur selten um Musik in diesem schmalen Büchlein. Doch der Rückblick auf dieses Leben hat mich neugierig gemacht auf das Werk Mahlers, so dass ich beim Lesen den titelgebenden letzten Satz der 9. Symphonie gehört habe. Für mich war dies eine Bereicherung, denn Robert Seethaler hat die Stimmung, die dieses Werk vermittelt, unglaublich gut in Worte gefasst. Eigentlich sollte man klassische Musik nicht unbedingt als Hintergrundberieselung nutzen, aber in diesem Fall harmoniert es so hervorragend, dass ich immer wieder beim Lesen inne hielt, um der Musik zuzuhören und das Gelesene noch deutlicher vor Augen zu sehen.

Einziger Makel: 120 sehr großzügig gesetzte Seiten für diesen Preis – das ist schon sportlich.

Deutscher Buchpreis Longlist 2020