Memories of Heidelberg

Heinz Strunk
Memories of Heidelberg
Rowohlt 2026
171 Seiten
ISBN 978-3-498-00974-8
Bevor es losgeht, ein kurzes Wort in eigener Sache: Ich habe schon öfter gelesen und gehört, dass manche Menschen Heinz Strunks genaue und oft geradezu körperliche Beschreibungen als eklig oder hämisch empfinden. Ich glaube, mir gefällt sein Stil gerade deshalb: Er schaut hin, wo andere lieber wegschauen. Wenn ein stark übergewichtiger Mensch sein Essen in sich hineinschaufelt (wie in diesem Buch), ist das nun einmal kein schöner Anblick – und Strunk beschönigt oder umschreibt ihn nicht. Aber ich habe dabei nie das Gefühl, dass er sich über seine Figuren lustig macht. Im Gegenteil: Gerade wenn er ihre ganze Erbärmlichkeit und Einsamkeit zeigt, empfinde ich großes Mitgefühl mit diesen traurigen Gestalten. Hinter all dem Ekligen und Abstoßenden sehe ich Menschen, die sich eigentlich nur nach Liebe, Nähe und Anerkennung sehnen – und unweigerlich frage ich mich, was aus ihnen hätte werden können, wenn das Leben anders mit ihnen umgegangen wäre. Vielleicht ist Strunks Blick schonungslos, aber für mich ist er deshalb noch lange nicht herzlos. Doch nun zum Buch:
Was auf dem Papier nach einem entspannten Heidelberg-Urlaub klingt, entpuppt sich als geniales kleines Kammerspiel des Grauens: ein überteuertes Boutique-Hotel, der Stammitaliener auf einem alten Neckar-Schiff, ein kranker Angehöriger im Hintergrund – und dazu dieser eine Peggy-March-Schlager in Dauerschleife, der sich unweigerlich ins Gehirn frisst.
Heinz Strunk seziert die Abgründe einer Ehe gewohnt sprachlich brillant, erbarmungslos und herrlich trocken. Das Geniale daran: Eigentlich passiert fast nichts. Ein Hotelzimmer, ein Restaurantbesuch, Gespräche, Schweigen. Und trotzdem brodelt es ununterbrochen, denn das, was zwischen Bertram und Isolde unausgesprochen bleibt, erzählt mehr als jeder große Knall.
Kafkaesk-komisch trifft es ziemlich gut: Man muss lachen und möchte gleichzeitig am liebsten ein kleines bisschen davonlaufen. Strunk schafft es einmal mehr, das Unbehagliche so präzise zu beschreiben, dass es gleichzeitig absurd, komisch und erschreckend menschlich wirkt.
Für Strunk-Fans ein Muss – und für alle, die ihn noch nicht kennen, vielleicht ein wunderbar schräger Einstieg. Ein kleines Buch über einen Urlaub, der keiner ist, eine Ehe, die langsam auseinanderbröckelt, und die Frage, wie viel Nähe zwei Menschen eigentlich noch aushalten.


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