Das Unrecht der westlichen Welt

Cover Blaue Frau von Antje Rávik Strubel

Antje Rávik Strubel
Blaue Frau
S. Fischer 2021
428 Seiten
ISBN 978-3-10-397101-9

Wer einen Großteil der Missstände in unserer Gesellschaft auf einen Blick haben will – hier sind sie! Alter weisser Mann gegen junge Frau; Ost gegen West; reich gegen arm; Macht gegen Nichtmacht. Protagonistin ist eine junge Osteuropäerin, die sich in den kapitalistischen Westen wagt, um ihre Sehnsucht nach der Ferne zu stillen. Nach einem Sprachkursaufenthalt in Berlin bekommt sie ein Praktikum weitab in der Uckermark vermittelt, von wo aus sie nach einem sexuellen Übergriff nach Finnland flieht. Voller Scham ist eine Rückkehr in ihre Heimat keine Option und als sie ihrem Vergewaltiger unvermittelt begegnet, will sie nur eines: Gerechtigkeit.

Keine Frage: Über jeden der im vorhergehenden Abschnitt genannten Missstände sollte geschrieben und berichtet werden. Doch Alle in EIN Buch zu packen und diese der jugendlichen Hauptfigur aufzubürden, die versucht damit klar zu kommen, mag vielleicht gesellschaftskritische Geister beglücken, die sich darüber freuen, alles zwischen zwei Buchdeckeln konzentriert zu finden. Mir war das Ganze jedoch deutlich zu viel – und zwar nichts des Guten, sondern des Schlechten. Adina, die sich wahlweise Sala, Nina oder der kleine Mohikaner nennt oder nennen lässt, findet Bekannte, die sie nach ihrer Abreise sofort wieder vergessen; muss die schlimmsten Stunden ihres Lebens ohne jede Unterstützung durchstehen – schlimmer noch, man glaubt ihr nicht; wird vom kapitalistischen System aufs Übelste ausgebeutet; liebt und wird geliebt von einem Mann, der ihr nicht alles sagt; und erfährt, dass Macht viele Menschen blind macht. Zwar gibt es noch ein paar Wenige, die an sie glauben – wirklich helfen können sie ihr aber auch nicht. Geld und Macht siegen.

Antje Rávik Strubel hat zweifellos auf kunstvolle Weise viele der Herausforderungen unserer Gesellschaft (nur der Klimawandel fehlt – oder doch nicht?) aufgezeigt und jedem der Abschnitte eine eigene Sprache gegeben – wenn auch nicht immer eine schöne.
Wäre das Ganze nun spannend geschrieben, hätte es für mich vielleicht ein Lieblingsbuch werden können. Stattdessen taucht als wiederkehrende Erscheinung eine blaue Frau (Adina?) in kurzen Abschnitten auf, die geheimnisvolle und rätselhafte Sätze von sich gibt (manche sind auch recht gut), deren Sinn sich auch bis zum Ende nicht erschließt. Adinas Geschichte verläuft weitgehend handlungsarm und erzählt meist über ihr Be- und Empfinden, was stellenweise auch gut gelungen ist ebenso wie die Darstellung ihres geliebten Leo. Doch alles in allem wurde es für mich zäher und langweiliger und ich war froh, als ich die letzte Seite gelesen hatte. Vielleicht bin ich einfach nicht schlau genug für solch ein Buch; aber sollte gute Literatur nicht auch schön zu lesen sein? Beispielsweise wie Dunkelblum von Eva Menasse oder Melnitz von Charles Lewinsky, beide ebenfalls in diesem Jahr neu erschienen.

Preisträgerin des Deutschen Buchpreises 2021

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