Die kleine Faschistin

Jérôme Leroy
Die kleine Faschistin
Aus dem Französischen von Cornelia Wend
Edition Nautilus 2026
147 Seiten
ISBN 978-3-96054-476-0
Wenig mehr als 140 Seiten – das klingt nach einem schnellen Lesevergnügen für zwischendurch. Aber Vorsicht: Wer das hier zu zügig durchrauscht, wird hinterher rätseln, was gerade passiert ist. Mir ist es beim ersten Durchgang genau so gegangen, und ich habe das Buch danach einfach noch mal gelesen. Und erst beim zweiten Mal so richtig verstanden, was Jérôme Leroy da eigentlich treibt.
Das Frankreich in diesem Buch ist eine Art Horrorvision des möglichen Frankreich von morgen – oder übermorgen. Ein Präsident, von allen nur „der Verrückte“ genannt, verschleißt in einem Jahr sieben Premierminister, löst die Nationalversammlung immer wieder auf und setzt Neuwahlen an – und jede Wahl stärkt vor allem die Rechtsextremen. Wer dabei unwillkürlich an Macron denkt: Das ist durchaus beabsichtigt.
Mittendrin: Francesca, zwanzig Jahre alt, aufgewachsen zwischen Schießstand und rechtsintellektuellen Klassikern, von ihrem Bruder liebevoll „kleine Faschistin“ genannt – und das meinen alle in ihrer Familie ernst. Voller Wut und Schmerz wegen des Todes ihrer Jugendliebe Jugurtha und ihres Bruders Nils lässt sie ihre Aggressionen in Schlägereien mit identitären Gruppen raus. Auf der anderen Seite des politischen Spektrums: Bonneval, sechzig, Mitte-Links-Politiker, Hoffnungsträger – und gerade dabei, seine eigene Midlife-Krise prächtig in den Sand zu setzen. Was diese beiden verbindet? Zunächst gar nichts. Und dann: alles.
Keine 150 Seiten braucht Leroy, um verpackt in eine spannende, düstere, witzige und sogar ein bisschen romantische, wenn auch dystopische Geschichte zu zeigen, wohin die derzeitigen politischen Verhältnisse in Frankreich führen könnten – nämlich zur Machtübernahme durch die extreme Rechte, zum Ende der Republik.Was das Buch so besonders macht, ist der Ton des Erzählers: leicht spöttisch, manchmal bitter, immer ein bisschen schräg. Zwischen Wut- und Lachtränen erzählt Leroy von einem Frankreich in der Krise – und das trifft es eigentlich ganz gut.
Ein kleiner Hinweis für alle, die mit Frankreich und seiner Politik wenig am Hut haben: Das Buch setzt einiges voraus. Wer zum Beispiel nicht weiß, was das Matignon ist (der Sitz des Premierministers), oder wer die politischen Verhältnisse nicht grob einordnen kann, sollte sich vielleicht kurz bei Wikipedia einlesen – das macht die Lektüre deutlich reicher. Und falls ihr das Buch wie ich zuerst zu schnell lest: einfach noch mal von vorne. Es lohnt sich.


Neueste Kommentare